Dem Gottesdienst Raum geben

Die Abteikirche Kornelimünster gestern – heute – morgen

Planung und Gestaltung des Kirchenraums 1956

St. Fronleichnam, Aachen, 1930Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Planung einer Abteikirche in Angriff genommen wurde, galt die 1930 von Rudolf Schwarz erbaute Kirche St. Fronleichnam in Aachen als „Paradigma des neuen kirchlichen Raumes“[1]. Für diesen Typ des Kirchenbaus hat sich die Bezeichnung Wegkirche eingebürgert, die der Architekt selbst in Bezug auf St. Fronleichnam aber relativiert: „Der Bau ist eigentlich keine Wegkirche. Was an ihm Weg ist, ist im erreichten Ziele gestillt. ... Hier ist nichts als stille Gegenwart der Gemeinde und Christi, das Ziel ist erreicht, und aller Weg ist in reines Dasein gestillt in einem gemeinsamen, hellen, hohen und ganz einfachen Raum, das Volk und der Herr sind beisammen, ein Leib geworden in einer festlichen Bauform, dem höheren Leib ihres heiligen Daseins.“[2] Jeder einzelne in der Gemeinde ist auf einen gemeinsamen Zielpunkt ausgerichtet: auf einem großen Stufenberg der Altar, der den Tabernakel trägt, vor einer kahlen weißen Wand.

Unsere Abteikirche nimmt im Hauptschiff die strenge Ausrichtung auf den Altar auf, die Seitenaltäre in den Nebenkapellen und die Sakramentskapelle im rechten Querschiff unterstützen diese  klare Linie in der Längsachse. Zielpunkt des Blickes ist nicht der Tabernakel wie in St. Fronleichnam, sondern der Altar, der seine Bedeutung im Vollzug der gottesdienstlichen Feier findet, dem er geweiht ist. Ein sehr breiter Mittelgang zwischen den Bankreihen bietet Raum für die Prozessionen, die in einer Klosterkirche wesentlich häufiger sind als in einer Pfarrkirche. Hinter dem Altar schließt sich noch der Raum für die Chormönche mit einem großen Gestühl an.  Die Abschlusswand hat mit der Rosette einen eigenen Akzent.

Die Orgel wird vom Architekten Paul Krücken dem Mönchschor zugeordnet. „Der Chorgesang verlangt eine Orgel in enger Beziehung zum Mönchs-Chor. Um eine besondere Chororgel zu vermeiden, ist für die Zukunft eine einheitliche Orgel an der Chorwand der Kirche vorgesehen, deren Pfeifenwerk sich um das dortige Rundfenster gruppieren wird. Der Spieltisch wird im Chorgestühl eingebaut, so dass der Orgelspieler in enger räumlicher und akustischer Verbindung zum Gesang der Mönche und zum Gesang am Altare steht.“[3]. Der schmucklose Orgelprospekt mit klaren Linien macht deutlich: Die Orgel ist auf den Gottesdienst hingeordnet. Sie gewinnt ihre Bedeutung von ihrer Funktion her, nicht als ein Schmuckstück und Blickfang in sich.

Abteikirche (1956)P. Berthold Simons, später Abt der Gemeinschaft (1967-1980), fasst in der Festschrift zur Kirchweihe die leitenden Gedanken bei der Gestaltung des Kirchenraumes zusammen: „Kurz nach dem Kriegsende wurden bereits die ersten Planungen zur Durchfüh­rung des Kirchenbaues erörtert, obwohl damals noch nicht abzusehen war, wie die notwendigen Mittel aufgebracht werden könnten. Man war sich darin einig, dass ein dem Zweck und der Tradition würdiges Gotteshaus erstehen sollte. Religiöse, psychologische, geistesgeschichtliche und traditionsgebundene Über­legungen legten die Richtlinien fest.

Da eine katholische Kirche in erster Linie eine Kultstätte ist, muss sie den Ge­setzen des Kultes entsprechen. Als Ort gemeinsamen Betens und Opferns sollte das neue Gotteshaus von der Gemeinschaft her sein innerstes Formgesetz er­halten, unter Ausschluss des Subjektiven also zur liturgischen, objektiv-überin­dividuellen Frömmigkeit führen können. Es sollte dazu zwingen, dem Geschehen am Altar zu folgen, mitzufeiern, mitzubeten und mitzuopfern. Die Bedeutung dieses Geschehens sollte ihren besonderen Ausdruck finden in einer zentralen Stellung des Altares innerhalb eines wirklich heiligen, nicht zu betretenden Be­zirkes, als Gleichnis der in sich selbst gründenden Heiligkeit und sich selbst genügenden Seligkeit Gottes; dabei würden die Mönche und die Gläubigen sich allseitig um den Altar scharen als sinnfälliger Ausdruck der Gemeinschaft im liturgischen Geschehen. Nur so kann die Sachlichkeit zu höchster Wesenhaftigkeit werden, und die Zweckmäßigkeit wird überhöht von dogmatischer Sinnfülle. - Letztlich sollte die Kirche ja auch ein Ausdruck unserer Gegenwart sein. Ist nicht gerade der Zug vom Individuum weg zur Gemeinschaft das Zeichen unserer Zeit? Keine andere architektonische Grundanlage hätte dieses Wesensmerkmal der Gemeinschaftsbezogenheit sinnfälliger aussagen können.“ [4]

Anders als die Kirche St. Fronleichnam ist der gesamte Kirchenraum weniger von der eucharistischen Gegenwart des Herrn bestimmt als vom gottesdienstlichen Vollzug.  Der Zeit entsprechend denkt P. Berthold Simons ganz von der Eucharistiefeier her. Es geht ihm um das Geschehen am Altar. Eine Beteiligung der Gemeinde am Chorgebet kommt zu dieser Zeit noch nicht in den Blick. Bewusster Mitvollzug des Gottesdienstes - mitzufeiern, mitzubeten und mitzuopfern – ist als innere Anteilnahme der Gemeinde zu verstehen. Entscheidend dafür ist  ein unverstellter Blick auf den Altar, an dem sich die Feier vollzieht. Durch die Raumgestalt ist die feiernde Gemeinschaft klar in zwei unterschiedliche Gruppen gegliedert, die durch den Stufenberg zum Chorraum voneinander getrennt sind. Da es eine eigene Sakramentskapelle gibt, in der die Kommunion an die Gemeinde ausgeteilt wird, kann auf eine Kommunionbank verzichtet werden. „Durch den Fortfall der Kommunionbank im Hauptschiff ist eine innige Verbindung des Laienraumes zum Altarraum gegeben, die auch durch die beiderseits der breiten Chortreppen angeordneten Ambonen nicht gestört wird.“[5]

Die Grenzen der Gemeinschaftserfahrung, in dem vom ihm konzipierten Raum mit der strengen Ausrichtung auf den Altar benennt Rudolf Schwarz: „Diese Form ist streng, und wenn man nur das unter »Liebe« versteht, was im ge­schlossenen Ring sich begibt, dann fehlt ihr die Liebe. Hier fehlt der Blick von Auge in Auge, hier sieht niemand dem andern entgegen, alle sehen voraus. Hier fehlt der warme Austausch beider Hände, die Hingabe von Mensch an Mensch, der Kreislauf herzlicher Bindung, denn hier steht jeder im Zusammenhang einsam, Schulter an Schulter und Schritt hinter Schritt ins Ganze addiert und zu geraden Linien ausgerichtet, nach einem rechtwinkligen Achsenkreuz an je einen Nachbarn verkettet.“[6] Damit in dem großen  Raum der Abteikirche Gemeinschaft erfahrbar wird, bedarf es zumindest auch einer großen Zahl von Versammelten sowohl im Mönchschor wie im Hauptschiff der Kirche. 1956 konnte P. Berthold Simons noch von einem „Zug vom Individuum weg zur Gemeinschaft“[7] sprechen. Unsere heutige Zeit ist deutlich von einem starken Individualismus geprägt. Dies stellt ganz andere Anforderungen an einen Kirchenraum, der Gemeinschaft erfahrbar machen soll.

Der Gottesdienstraum im Bereich des Chorgestühls

Gottesdienstraum im Bereich des Chorgestühls1986 wurde der Bereich des Hauptaltars neugestaltet. Die beiden Ambonen wurden entfernt. Ein neuer großer Blausteinaltar steht nun nur noch um eine Stufe gegenüber dem Chorraum erhöht. Der Konvent sitzt bei einem Gottesdienst am Hauptaltar nicht mehr im Chorgestühl, sondern seitlich vom Altar im Chorraum auf Bänken und Hockern. So wurde mit relativ geringen Eingriffen ein wenig mehr Nähe zwischen dem Konvent und der Gemeinde möglich. Durch die neue Anordnung wird die Stellung der Orgel und des Spieltisches problematisch, die auf die Begleitung des Mönchschores im Chorgestühl ausgerichtet worden sind. Der Organist hat weder Kontakt zum Konvent noch zur Gemeinde, die sich am Gesang beteiligt.

Um auch bei kleiner werdenden Zahlen der Mitfeiernden dem Leitgedanken der erfahrbaren Gemeinschaft treu zu bleiben, wurde hinter dem Hauptaltar der Kirche im Bereich des Chorgestühls ein Gottesdienstraum eingerichtet. Nach und nach wurden die Gottesdienste, die in der Kirche gefeiert werden, aus dem Hauptraum in diesen kleineren Raum verlegt. Ausgenommen bleibt nur noch das Konventamt an Sonn- und Feiertagen, das weiter am Hauptaltar gefeiert wird.

Ohne eine Stufenanlage gibt es auch im Gottesdienstraum hinter dem Hauptaltar genau definierte Bereiche. Der Altarraum ist durch einen Teppich kenntlich gemacht. Die Bänke, auf denen der Konvent bei der Eucharistiefeier Platz nimmt, stehen vor dem Chorgestühl. Die Bänke für die Gemeinde sind auf den Altar hin ausgerichtet. Ausgenommen eine Abschrankung zwischen einem Chor- und Gemeinderaum ist dies eine klassische Aufstellung, die sich in vielen Klosterkirchen findet. Um auch die Zelebranten in den Gesang des Konventes einzubinden – jede Stimme zählt bei der kleinen Zahl der Mönche – wurde auf einen Vorstehersitz verzichtet. Die Zelebranten in der Eucharistiefeier sind durch ihre Gewänder, ihre Stellung in den Prozessionen beim Ein- und Auszug und ihren Sitzplatz am oberen Ende der Reihe während der gesamten Feier deutlich erkennbar.

Konvent und Gemeinde sitzen nun bei der Eucharistiefeier auf einer Ebene. Dies entspricht dem Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils, das nicht mehr von einem eigenen Ordensstand spricht, der von einem Laienstand abgehoben wird, sondern das Ordensleben als eine der zahlreichen Möglichkeiten sieht, inmitten der Kirche christlich zu leben.

Für die Feier des Stundengebets, das nicht mit einer Eucharistiefeier verbunden ist, nutzt der Konvent weiterhin das Chorgestühl, weil für das Singen im Stehen ausgebildet ist. Andererseits steht das Chorgestühl auch der Gemeinde offen, wenn die Plätze in den Bänken nicht ausreichen. Die Nähe zwischen Konvent und Gemeinde ermöglicht es, alle auch zum Mitsingen des Stundengebetes einzuladen.

Aufgabe für die Zukunft

Der am häufigsten genutzte Gottesdienstraum ist ein Provisorium, das sich nicht zu einem Gesamtensemble zusammenfügt, wie es der Hauptraum auch nach der behutsamen Umgestaltung des Altarraumes weiterhin bietet. Beim feierlichen Ein- und Auszug zu den Gottesdiensten ist der Hauptaltar, eher im Wege und wird seitlich liegengelassen, obwohl er wesentlicher Punkt des Raumes sein sollte. Andererseits entspricht der provisorische Raum den Grundanliegen, die bei der Gestaltung der Kirche von Anfang an leitend waren. Dies stellt uns vor die Aufgabe, die gesamte Gestaltung der Kirche zu überdenken und auch starke Eingriffe in den Raum zu wagen, damit er wieder zu einem stimmigen Gesamt wird. Er soll nur einen Altar enthalten um den sich sowohl eine kleine Werktags- als auch eine große Festtagsgemeinde versammeln und als Gemeinschaft erfahren kann. Der Raum soll nach unserem heutigen Verständnis nicht nur zur inneren Anteilnahme, sondern auch zur tätigen Teilnahme am Gottesdienst einladen.

P. Berthold Simons führt einen weiteren Aspekt des ursprünglichen Raumkonzeptes an: „Des weiteren beschloss man, in der Innengestaltung nur das heranzuziehen, was das Wesen des Gotteshauses hervorheben könnte. Aus dem Bewusstsein heraus, dass nicht die Verzierung die Raumgestaltung prägt, sondern die architektonische Gestaltung und Formgebung selbst, müsste diese im betenden und opfernden Gläubigen das hervorrufen können, was zum bewussten Mitvollzug der heiligen Geheimnisse nun einmal vorausgesetzt werden muss.“[8] Was Romano Guardini zur Kirche St. Fronleichnam schrieb, lässt sich auch auf unsere Abteikirche anwenden: „Ich könnte mir denken, dass einer sagte, sie sei leer. Dann würde ich erwidern, er solle tiefer in sein eigenes Fühlen hineinkehren, ob er es richtig versteht. ... Das ist keine Leere, das ist Stille! Und in der Stille ist Gott.“[9] Obwohl der Raum wesentlich auf den gottesdienstlichen Vollzug hin ausgerichtet ist, lädt er in seiner klaren Schlichtheit auch zum Verweilen in der Stille, in der Gegenwart Gottes ein. Bis heute suchen Menschen auch außerhalb der Gottesdienste die Stille unseres Kirchenraumes. Der umgestaltete Raum soll auch weiterhin zum Verweilen einladen und zu Stille und Sammlung hinführen.


[1] Willy Weyres: Neue Kirchen im Erzbistum Köln 1945 – 1956, Düsseldorf, 1957, S. 14
[2] Rudolf Schwarz: Kirchenbau : Welt vor der Schwelle, Heidelberg, 1960, S. 20
[3] Paul Krücken, Das Gotteshaus, in: Benediktinerabtei Kornelimünster : 1906-1956 ; Festschrift zur Konsekration der neuen Abteikirche, hrsg. von den Benediktinern zu Kornelimünster, Kornelimünster, 1956S. 53 – 58, hier 55
[4] Die Neue Abteikirche, ebd. S. 42-45
[5] Das Gotteshaus, S. 55
[6] Rudolf Schwarz:  Vom Bau der Kirche,  Heidelberg, ²1947, S. 79
[7] S.o.
[8] Die Neue Abteikirche, S. 45
[9] Romano Guardini: Die neuerbaute Fronleichnamskirche in Aachen, in: Schildgenossen 11(1931), 266-268, hier: 267

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