Geschichte im Gespräch

Benedikt von Aniane

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum 1200-Jahr-Jubiläum von Kloster und Ort Kornelimünster „Geschichte im Gespräch“ fand in der Benediktinerabtei Kornelimünster ein erster Abend statt, der sich dem Gründerabt des Klosters, Benedikt von Aniane (750–821), widmete. Die gut fünfzig Teilnehmer erlebten ein lebendiges und erhellendes Referat von Dr. Walter Kettemann, Trier,
(PDF-Datei Vortragsmanuskript als PDF-Datei herunterladen …) und ein gut ergänzendes Koreferat von P. Oliver J. Kaftan OSB, Kornelimünster. Der Moderator hatte es nach mehr als zwei Stunden leicht, den „letzten“ Beitrag aus dem Publikum anzusetzen. Gruppengespräche nach dem offiziellen Schluss sind ein Hinweis für das aufmerksame Interesse der Besucher.

 

2014-03-25 Benedikt vA - Geschichte im Gespräch

 

Dr. Kettemann stellte zunächst die kritische Aufnahme der Person und des Anliegens der Klosterordnung Benedikts von Aniane im 9. Jahrhundert und der weiteren Geschichte des Ordens heraus. Auch die wissenschaftliche Würdigung im 20. Jahrhundert ist lange zurückhaltend bis ablehnend. Eine emotionale Nähe hat der Gründer Kornelimünsters im Orden bis heute nicht gefunden.

 

Als Historiker arbeitete Kettemann die Persönlichkeit Benedikts aus der unmittelbar nach seinem Tod geschriebenen Vita heraus. Die Vita ist keine verklärende Heiligenpropagierung. Sie liefert durchaus belastbare Erkenntnisse zur Persönlichkeit Benedikts und seiner Wirkung auf die Zeitgefährten. Er war eine starke Gestalt, die Gegner und Feinde hatte.

 

Benedikt wurde dargestellt als ein Mönch, der nicht einfach in der klösterlichen Zurückgezogenheit lebte und nur in und aus der Stille Wirkung entfaltete. Er war ein politischer Akteur, der weit über das Monastische hinaus tätig war. Sein umfangreiches väterliche Erbe gab ihm den materiellen Hintergrund für eine große und einflussreiche Gründung in Septimanien (südl. Frankreich um Narbonne), das Kloster Aniane, fern von der kaiserlichen „Zentrale“ und ihren Großen.

 

Zu dem starken Gestaltungswillen, der bei Benedikt erkennbar ist, tritt analytische und systematische Stärke hinzu. Sie verbindet sich mit einer Sensibilität für religiöse, politische und gesellschaftliche Tendenzen. Als Beispiel sei die theologische Auseinandersetzung um den sog. Adoptianismus erwähnt, der von Nordspanien nach Septimanien vordrang. Der Adoptianismus versucht, die Gottheit und Menschheit Jesu unter dem Bild einer „Adoption“ des Menschen Jesus durch Gott zu verstehen. Als neue „Konfession“ bedrohte die Lehre die politische Einheit des Frankenreiches an seinen Grenzen. Benedikts Bekämpfung der Lehre machte ihn für den Kaiser politisch wichtig. – Im Gespräch nach den Referaten wurde verdeutlicht, dass der Adoptianismus wohl als Auseinandersetzung des nordspanischen Christentums mit dem strengst monotheistischen Islam entstanden ist. Die Gegenbewegung zum Adoptianismus, die betonte, dass das Bild der Adoption nicht hinreichend das Verhältnis von Gottheit und Menschheit Jesu klärt, ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Trinitätstheologie. Im Gefolge dieser Klärung entfaltet sich auch die weitere Mariologie und damit die mittelalterliche Marienverehrung. Die Bedeutung Mariens als Muttergottes wächst mehr und mehr in das Bewusstsein und die Frömmigkeit hinein.

 

Als dritten Geisteszug – neben dem Gestaltungswillen und der Sensibilität für Zeitströmungen – nannte Kettemann die Einsicht Benedikts von der Instrumentalisierbarkeit des Wissens. Benedikt sammelte sich - z.B. in einer Zusammenstellung bekannter Ordensregeln - einen Wissensschatz an, aus dem heraus er fundiert in Auseinandersetzungen seine Positionen vertreten und Rat geben konnte.

 

Benedikt vN übergibt Benedikt vA die Regel

 

P. Oliver setzte in seinem Koreferat eigene Akze+nte, die Kettemanns Ausführungen erweiterten. Pointiert formulierte er, dass Benedikt von Aniane eigentlich „nie Mönch“ war, sondern „immer Abt“. Ein Leben „unter Regel und Abt“, wie es Benedikt von Nursia für seine Klöster vorsieht, hat er selbst nie – oder nur kürzeste Zeit – geführt.

 

Eine andere Pointierung machte ebenfalls nachdenklich. Benedikt von Aniane sei ein „maß-loser Verächter“ der Benediktregel gewesen und wurde zu ihrem glühenden Verfechter. P. Oliver erläuterte das, indem er herausstellte, dass Benedikt die „Maß-gebung(en)“ der Mönchsregel nicht als Regulierungsfanatismus der Buchstaben, sondern als Richt- und Leitlinien für eine zeitgemäße Weiterentwicklung des alten Textes ansieht. Insofern sei Benedikt paulinisch-biblisch. Paulus betont einerseits seine eigenständige Berufung unmittelbar durch Christus und nicht durch die ersten Apostel (Gal 1; in der Vita Benedikts v.A. wird darauf Bezug genommen). Zum anderen predigt Paulus die Berufung zur Freiheit (Gal 5). Benedikt von Aniane sei verkehrt verstanden, wenn und solange man seine Regelfestlegungen als ein für alle mal zeitlos gültig lese.

 

Im anschließenden reichen Gespräch wurde dazu die Frage gestellt, ob Benedikt von Aniane wirklich die Regel von Montecassino in ihren Ursprung zurück reformiert, oder doch etwas ganz Neues in seine Zeit vermittelt hat. Die Frage nach dem allgemeinen Such-Charakter des Mensch- und Christseins und auch des benediktinischen „ob er wirklich Gott sucht“ gab dem Abend einen dynamisch offenen Abschluss.

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Wenn Benedikt von Nursia

oder auch der von Inda-Aniane

uns Mönche heute sähe,

 

würde er sich

im Grabe umdrehen

oder gar rotieren?


Ich hoffe und vermute,

er würde aufstehen

und zum Tanze spielen,

 

weil wir weiter suchen

und Zeit und Regel lesen,

das große Ziel zu finden.

 

Albert Altenähr
2014-03-26