Sa, 13. Sep. 2014
Aachener Nachrichten - Stadt / Lokales / Seite 21

In Kornelimünster war der Krieg schon früher vorbei

Amerikanische Truppen erreichten Aachen erst fünf Wochen später. Alt-Abt Albert Altenähr und die Aufzeichnungen seines Mitbruders Pater Gregor Kerst.

Von Georg Dünnwald

Kornelimünster. Morgen beginnen die Feierlichkeiten der alljährlichen Kornelioktav. Sie sind mit dem zweiten Teil der Heiligtumsfahrt gekoppelt. Auch wird an den 1200. Gründungstag Kornelimünsters erinnert. Ein wichtiger Tag in der Geschichte des Indestädtchens wird dabei sicher auch nicht untergehen. Das ist der 14. September 1944, als US-amerikanische Truppen die deutsche Wehrmacht aus Kornelimünster herauswarfen und die damals noch nicht zu Aachen gehörende Gemeinde besetzten.

Aachen selbst wurde am 21. Oktober 1944 von amerikanischen Truppen erobert, dieses Datum bleibt in Erinnerung, war Aachen doch die erste deutsche Großstadt, die von einer amerikanischen Einheit besetzt wurde. Vielen jedoch scheint das Datum der Eroberung in Kornelimünster wie ausgelöscht zu sein. Kein Verein, der einen offiziellen Gedenktag ausruft, auch die Bezirksvertretung hält sich mit Erinnerungen zurück. Einzig Propst Ewald Vienken will in seiner Predigt beim Pontifikalamt zur Eröffnung des zweiten Teils der Heiligtumsfahrt an die Einnahme des Münsterländchens erinnern.

Denkt man an den Untergang der Naziherrschaft, fällt vielen sofort der „D-Day“ ein. Am 6. Juni 1944 überwanden amerikanische GIs (US-Soldaten), britische und kanadische Truppen unter starken Verlusten die deutschen Befestigungswälle in der Normandie. Auch französische Exil-Truppen unter dem Oberbefehl General Charles de Gaulle waren bei der Invasion an der Küste der Normandie dabei.

Am 12. September 1944 überwanden die Amerikaner die deutsche Grenze und besetzten als ersten deutschen Ort Roetgen. Zwei Tage später überrannten die GIs dann das Indestädtchen Kornelimünster.

Hier richteten sie sich erst einmal ein. Als Hauptquartier wurde die alte Reichsabtei ausgesucht, die Soldaten selbst wohnten in Zelten. Denn der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen in Europa, General Dwight D. Eisenhower, hatte seinen Soldaten untersagt, Zimmer in Privathäusern zu requirieren, weil dies im Widerspruch zu dem am gleichen Tag (14. September 1944) von ihm ausgegebenen Antifraternisierungs-Befehls gestanden hätte. Den GIs war der Kontakt zur deutschen Bevölkerung untersagt.

Vor 20 Jahren hat der damalige Abt der Benediktinerabtei Kornelimünster, Pater Albert Altenähr, eine umfangreiche Broschüre mit Kartenmaterial und deutschen und amerikanischen Militärberichten als Erinnerung an den 50. Jahrestag der Besetzung des Inde­städtchens herausgegeben, die jetzt wieder an der Klosterpforte für fünf Euro verkauft wird. Diese Broschüre fußt vor allem auf den Tagebuchaufzeichnungen des Benediktinerpaters Gregor Karst. „Der aus Dürwiß bei Eschweiler stammende Mitbruder hatte uns seine reichen und detailfreudigen Erinnerungen immer wieder erzählt“, sagt der Alt-Abt.

Als er den mittlerweile verstorbenen Ordenspriester im Jahr 1982 kennenlernte, schätzte er ihn als „lebendige Tradition“ ein. „Ich bat ihn, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Nach vielem Drängen und in großen Abständen hat Pater Gregor seine Erinnerungen handschriftlich in einer dicken Kladde zusammengefasst, die einen Umfang von 139 Seiten hatte.“ Herausgekommen seien „Geschichtchen“, die vor dem Hintergrund der großen Geschichte spielen. Altenähr: „Der Mitbruder Pater Gregor Kerst war kein Historiker, aber es war ihm ein Anliegen, die Lebenssituationen der Menschen im Münsterländchen niederzuschreiben.“ Interessant seien die Anekdoten für Menschen, die Kornelimünsteraner seien oder sich im idyllischen Städtchen an der Inde niedergelassen hätten. „Das ist keine große Weltgeschichte“, konstatiert Pater Altenähr.

Pater Gregor schrieb in sein Tagebuch: „‚An den Grenzen des Münsterländchen wurde zum Teil heftig gekämpft, aber das eigentliche Kampfgeschehen spielte sich im letzten Drittel des Jahres 1944 jenseits der Grenzen ab, beispielsweise im Hürtgenwald zwischen September und Dezember.“

 

Mönche an der Front

Er selbst war seit einigen Jahren ständig im Kloster, weil dort 1942 ein Teillazarett als Abteilung des Reserve-Lazaretts Aachen mit 120 Betten eingerichtet wurde, das unmittelbar nach dem Einmarsch der Amerikaner als Zivilkrankenhaus weitergenutzt wurde. Für das Lazarett wurde am Binnenhof eine Baracke mit zwei Räumen und je 15 Betten errichtet. „Wurden zunächst“, so Pater Gregor Kerst, „noch Operationen vorgenommen, wurde das Lazarett bald nur noch als Seuchenlazarett genutzt.“ Nur noch wenige Patres und Brüder waren im Kloster in Kornelimünster geblieben.

Die meisten arbeiteten als Seelsorger auch in Aachener Gemeinden, abends dann noch als Sanitäter oder Klosterverwalter. Viele Mönche waren auch eingezogen worden und kämpften an den vielen Fronten des Nazireiches.

Verhör in der Klosterküche

Pater Gregor beschreibt auch die Verhältnisse vor dem 14. September. „Eines Tages sahen wir über uns ein angeschossenes kanadisches Flugzeug, das nicht mehr manövrierfähig war. Es trudelte und ging zu Boden. Sanitäter wurden ausgeschickt, die kamen nach einiger Zeit mit einer Reihe kanadischer Gefangener zurück. In der Klosterküche wurden sie einem ersten Verhör unterzogen. Bruder Amatus sollte übersetzen, weil er bis 1920 in einer südafrikanischen Mission gewesen war und ein wenig Englisch sprach. Aber er verstand die Kanadier nicht. Im Laufe des Nachmittags wurden die Gefangenen von Parteileuten abgeholt, die gar nicht zimperlich mit Gefangenen umgingen, die ‚Terrorangriffe‘ geflogen hatten.“ Die Mönche hörten nie mehr wieder etwas von den Kanadiern.

Rhetorisch fragt Pater Gregor Karst in seinem Tagebuch. „Wer hat denn zuerst Terrorangriffe geflogen, wir oder die anderen? Was ist mit Coventry in England?“ Der Dürwißer Theologe war sicher kein Freund der Nazis. Er erzählt, dass er und seine Mönchsbrüder oft auch feindliche Sender hörten, „denn den deutschen Rundfunknachrichten war nicht mehr zu glauben“.

Der 14. September ist in der katholischen Kirche das Fest der Kreuzerhöhung, an dem die Kornelioktav beginnt. 1944 fiel es laut Pater Gregor aus.

Der „dienstälteste“ Mönch im Benediktinerkloster

Pater Gregor Kerst wurde 1917 in Dürwiß bei Eschweiler geboren. Im Jahr 1931 ist er als Internatsschüler nach Kornelimünster gekommen.

Zur Weiterführung der schulischen Ausbildung ging er in das mit Mönchen aus Kornelimünster besiedelte Kloster Ilbenstadt in Hessen, trat dort für Kornelimünster den Benediktinern bei und absolvierte seine philosophisch-theologischen Studien zunächst in St. Georgen und nach der staatlich verfügten Aufhebung der Theologischen Hochschule St. Georgen in der Abtei Siegen.

Am Priesterseminar Aachen beendete er seine Studien und wurde 1942 zum Priester geweiht.

Seit 1941 war Pater Gregor ohne Unterbrechung in Kornelimünster, bis zu seinem Tod im Jahr 1996 war er der Mitbruder, der am längsten im Kloster des Indestädtchens wirkte.

Vom Wehrdienst war Pater Gregor wegen eines schweren Mittelohrschadens befreit. Dadurch war es ihm möglich, sein Tagebuch über die Situation der Menschen im Indestädtchen zu schreiben. (dd)

„Unser Mitbruder Pater Gregor Kerst war kein Historiker, aber es war ihm ein Anliegen, die Lebenssituationen der Menschen im Münsterländchen niederzuschreiben,“ so Benediktinerpater und Alt-Abt Albert Altenähr.

 

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