Der wirklich alternative Kurz-Urlaub: für ein paar Tage zu Gast im Kloster

Viel Zeit statt „last minute“

Foto: Andreas SchmitterKirchenZeitung für das Bistum Aachen, 12. August 2001. Von Roland Juchem.   Die Tür schließt sich. Und im selben Moment fällt die Stille auf die Ohren, drückt Schweigen aufs Trommelfell. Pulsschlag und Atmung werden erst bewusst und dann deutlich langsamer. Zwei, drei Mal tief ausatmen. “Bitte warten Sie einen Moment hier”, hatte die Frau an der Klosterpforte gesagt, als sie den Gast ins Zimmer führte, “der Abt kommt gleich.”

Der Empfangsraum mit Büffetschrank und Sitzecke mag vielleicht wie eine Quarantäne anmuten, in der man als Gast kurzfristig geparkt wird. Doch er ist eher eine Art Schleuse, ein kurzes Tauchbecken für die Seele zur Abkühlung von der Reibungswärme des Alltags. “Für ein paar Tage ins Kloster …” – wer seinen Bekannten davon erzählt, erntet entweder neugierig-belustigte Blicke und die nicht immer ironisch gemeinte Frage: “Aber du kommst doch wieder …?”

Gelegentlich erhält er auch anerkennende Blicke. “Hierher ins Kloster zu kommen, das ist gut, ist einfach nur gut”, weiß Georg Dybowski. Seit er 17 Jahre alt war, kommt der heute 30-jährige Jazzgitarrist und Musiklehrer aus Bottrop in die Benediktinerabtei Kornelimünster. Die ersten Male hat er mit ein paar Freunden “fast den ganzen Tag auf dem Bett gesessen und Skat gespielt”. Inzwischen verbringt Dybowski insgesamt drei bis vier Wochen pro Jahr im Kloster – ab und zu auch mit seiner Freundin. Wenn er nur zwei, drei Tage hier ist, nutzt er “die äußere Ruhe und innere Unruhe”, um zu komponieren.

Perspektiven ändern sich, Prioritäten rücken zurecht

“Wenn man aber über etwas Wichtiges im Leben nachdenken will, sollte man sich mindestens zehn Tage gönnen,” empfiehlt Dybowski. Denn in den ersten beiden Tagen würden die Sorgen oft noch schlimmer, “weil einen nichts mehr ablenkt”. Dann aber kehre Ruhe ein. Perspektiven ändern sich, Prioritäten rücken zurecht.

Nach wenigen Minuten im Gastzimmer erscheint Abt Albert Altenähr OSB. Ein kurzer kräftiger Händedruck und die durchaus aufmunternd gemeinte Feststellung: “So abgespannt wie Sie aussehen, sind Sie wirklich reif fürs Kloster. Er führt den Gast zunächst in die Kirche, wo gleich das Abendgebet der Mönche, die Vesper, mit Gottesdienst stattfinden wird.

Dann geht es aufs Zimmer verbunden mit der Frage, ob man anlässlich des Benediktfestes zum Abendessen “auch ein Fläschchen Bier” mittrinke. Die Gastzimmer sind geräumig, bequem und modern eingerichtet: Stuhl und Schreibtisch, Buchregal, Sitzecke, Bett, Kleiderschrank und komfortable Nasszelle. “Wir versorgen Sie hier aber nicht von vorne bis hinten”, stellt der Chef des Hauses gleich zu Beginn klar, “wir bitten Sie, Ihr Bett selber zu beziehen.” Und Pater Friedhelm, vorrangiger Ansprechpartner für die Gäste, wird sie nach dem Essen auch schon mal “zum Abtrocknen einladen”.

Um 18 Uhr sind Vesper und Abendmesse im Chorraum der großen, nüchternen Kirche. Bei sieben Mönchen und acht Gästen gerät der Gesang schon mal etwas schräg. Immerhin wird der unkundige Gast mittels fern gesteuerter Liedanzeige durch die Seiten des Stundenbuches geführt.

Arrangements von Senftube und Ketchupflasche

Um 19:15 Uhr geht es zum Abendessen ins Refektorium, den Speisesaal der Mönche. Hierhin werden nur männliche Gäste und Ordensfrauen eingeladen, sofern ihre Zahl nicht größer ist als die der Mönche. Die übrigen Gäste essen in einem Speiseraum gegenüber. Im Refektorium gruppieren sich unter einem lieblichsüßen Mariengemälde verteilt auf den in U-Form aufgestellten Resopaltischen Arrangements von Salz- und Pfefferstreuer, Senf- und Mayonnaisetuben, überragt von einer Vorratsflasche Ketchup.

Die Räume im Altbau haben ihren eigenen Reiz. Von der Wand blickt Dürers Apostelquartett auf die Gemeinschaft, die ihr schlichtes Mittag- und Abendessen zügig einnimmt. Wie bei den Benediktinern üblich wird bei Tisch nicht gesprochen. Statt dessen liest Bruder Matthias aus der Bibel sowie abends aus einem Sachbuch oder Roman. Mittags gibt es Beethovens Streichquartett in cis-Moll zu hören.

Ansonsten aber ist Ruhe das vielleicht auffälligste Angebot des Klosters. Ob auf den Zimmern, im Quadrum – dem viereckigen Platz zwischen den Gebäuden –, selbst im Park hinter der Kirche, wo der laue Wind eines Sommerabends durch zahlreiche Eichen, Kastanien-, Walnuss- und Ahornbäume rauscht. Fast jeder Gast im Kloster lobt diese Stille. “Ich wünschte, ich könnte auch mal ein paar Tage zum Ausspannen in ein Kloster”, entgegnen die Patres dann mitunter. Für sie selbst ist das Kloster Alltag. Hier müssen sie arbeiten, den Laden in Schuss halten, sich um Gäste kümmern und bereit sein für Gespräche, die nicht immer einfach sind.

Was wollen die Mönche ihren Gästen sonst bieten? “Die Kirche muss sich auf ihr Kerngeschäft besinnen, und das ist Gott, ist Spiritualität”, antwortet Abt Albert. Daher habe man sich entschlossen, die

Abtei zu einem “Haus der Glaubensbegegnung” zu machen. Dafür will das Kloster aber kein Gästehaus unterhalten, sondern – so ein Ergebnis jahrelanger Überlegungen – die Mönche wollen den Gastbereich so in das Kloster integrieren wie ihre eigene Wohnung, die Klausur.

“Wir möchten die Menschen für den ‚Geschmack‘ am Heilsangebot Gottes öffnen”, formuliert Pater Oliver. Dabei solle “die Hilfe bei der Suche nach dem lebendigen Gott” wichtiger sein “als die Diskussion theologischer Sachfragen”. Und Abt Albert ergänzt: “Wir bekennen uns offen zu unserer Mitte, der Freude am Herrn, dem Glauben.” Daher wolle man “die Menschen einladen, ihre eigene Mitte zu suchen und auf dieser Suche unsere Mitte zu befragen.” Um dem an sich nicht neuen, aber künftig verstärkten Auftrag der Gastfreundschaft besser gerecht werden zu können, haben die Mönche große Umbaupläne.

Und ihre eigene Zukunft? “Wir wollen uns nicht blockieren lassen von der Frage, ob wir die Letzten sind. Wir müssen jetzt lebendig sein”, antwortet Pater Oliver. Die Frage, ob Gäste ihre Lebensgemeinschaft auch stören können, bejaht Abt Albert gerade heraus. “Aber”, so ergänzt er sofort, “jede Störung ist anregend, manchmal aufregend, auf jeden Fall immer spannend und eine Chance.”

Aufregen kann sich Abt Albert vielmehr über Kloster-Klischees. Das Schlimmste? “Mönche leben hinter Klostermauern”, seufzt er. Die Klostermauer sei in erster Linie eine Sache im Kopf. Wer sich gedanklich nicht absetzen könne von dem Geschehen der Welt, dem nützten auch die dicksten Klostermauern nichts. Umgekehrt ist die bunte Welt mit all ihren Problemen, Chancen und mitunter schillernden Lebensgeschichten in vielen Klöstern sehr präsent. Dazu aber sollen die Menschen ins Kloster kommen. “Wir betreiben keine ‚Geh-hin-‘, sondern eine ‚Komm-her-und-sieh-Pastoral‘”, formuliert der Abt. Und die funktioniert.

Rund die Hälfte der 200 bis 250 Übernachtungen im Monat werden von Einzelgästen gebucht, für 60 Mark pro Nacht mit Vollpension. Der eine will nur ein paar Tage die Seele baumeln lassen und ist mit etwas Smalltalk zufrieden. Ein anderer sucht in einer Lebenskrise neue Orientierung und nutzt das Angebot zu intensiven seelsorglichen Gesprächen, bei denen auch Tränen fließen dürfen. Viele der Gespräche zwischen Mönchen und Gästen, meint Pater Friedhelm, “sind wie die Gespräche zwischen Müttern und Kindern beim gemeinsamen Spülen in der Küche”.

Belinda Keyzers und Riny Wagemans aus der Nähe von Venlo sind für eine Woche ins Kloster gekommen, weil die eine nach der Trennung von ihrem Partner sich über ihren weiteren Lebensweg klar werden möchte. Die beiden langjährigen Freundinnen nehmen zwar an den mittäglichen und abendlichen Gebetszeiten teil, den übrigen Tag verbringen sie aber unter sich – mit Büchern und Gesprächen zu Zweit.

Zwischen Matutin und Laudes (5:30 Uhr), Mittagshore (12:00 Uhr) und Vesper (18:00 Uhr) kann der Gast seine Zeit frei einteilen. Diese Freiheit loben fast alle Gäste der Abtei. Und sie werde, meint Georg Dybowski, durch das Angebot der festen Gebetszeiten eigentlich nur vergrößert. “So bekommt der Tag eine Struktur, ich lasse mich nicht hängen.”

Stundengebet, Gespräch und Fenster putzen

Foto: Andreas SchmitterWer bei den Stundengebeten nicht mehr damit beschäftigt ist, das System der Antiphonen und des wechselnden Psalmgesangs zu durchschauen und ungewohnte Melodien nachzusingen, den regt die vielseitige, oft recht drastische Gebetssprache der Psalmen vielleicht dazu an, manch weniger bekannte Winkel der eigenen Seele zu entdecken und “seinen Gott” zu suchen.

Darüber hinaus gibt es auf jedem Zimmer genügend Literatur – für fast jeden theologischen und spirituellen Geschmack etwas. Wer möchte, kann darüber auch mit einem der Mönche sprechen – mit Pater Friedhelm, der auch Einzelexerzitien anbietet, oder mit Bruder Egilhard, unter anderem Erfinder des hauseigenen Kräuterlikörs, des “Corneliustropfens”.

Wer möchte, darf aber auch bei den Alltagsarbeiten mit Hand anlegen. Ewa Schrijver etwa putzt gerade einige Fenster im Kreuzgang. Sie fand die Adresse der Abtei im Internet. “Ich war überrascht von dem freundlichen und unkomplizierten Ton, als ich mich am Telefon näher erkundigte”, berichtet sie.

In den ersten Tagen sei sie mit “so viel geballter Herzlichkeit” aufgenommen worden. “Das ist so ganz anders als das, was man im Beruf erlebt”, sagt sie und wringt einen Lappen aus. Als kurz darauf Postulant Eberhard Lütge, also der Neue in der Abtei, vorbeikommt, verwickelt sie ihn in eine Diskussion darüber, welcher Fensterreiniger weniger Streifen hinterlässt. Auch das ist Alltag im Kloster.

Ob Stundengebet, Fensterputz oder Gespräch – nicht nur für Dybowski ist das Kloster “eine Oase”. “Wenn ich Tag für Tag mit meiner Partnerin Nase an Nase lebe”, beschreibt er seine Erfahrung, “sehe ich irgendwann nur noch Pickel und Mitesser. Doch mit ein paar Tagen Ruhe und Abstand gewinne ich wieder den Blick fürs Wesentliche.” Das setze aber voraus, dass der Partner Verständnis hat für den Ausstieg auf Zeit und dafür, dass man dann auch nicht erreichbar ist.

Am Ende der Klostertage gibt es ein herzliches Händeschütteln, die Einladung wiederzukommen, aber keine Schleuse mehr. Wer sich für den Heimweg etwas Zeit lässt und die Ruhe nachklingen lässt, braucht das auch nicht.

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