Hauptsache still

MongoBeach Nr. 18 (Schülerzeitung am Erkelenzer Cornelius-Burgh-Gymnasium). Von Andreas Koerfer und Dominik Mercks.   Der frisch gefallene Schnee dämpft unsere Schritte ab, als wir die Steinstufen zur Pforte des Klosters emporsteigen. Die schwere Holztüre steht offen, an der Klosterpforte erwartet uns Pater Oliver. „Willkommen bei den Benediktinern“, sagt er leise, aber gut verständlich. Unser Besuch im Kloster hat begonnen, 24 Stunden bei den Benediktinern in Kornelimünster bei Aachen.

Pater Oliver führt uns durch einen langen und leeren Gang in den Gästespeisesaal. „Frater Antonius kommt gleich“ sagt er lächelnd und verschwindet. Wir sind allein im Speisesaal. Es ist still. Kein Geräusch vernehmbar, nirgendwo ist Musik zu vernehmen, kein Autolärm dringt von weit her herein. Stille, keine bedrückende Stille, eine entspannende, beruhigende Stille. Als Frater Antonius uns kurze Zeit später begrüßt, spricht auch er leise – und wir passen unsere Stimme ebenfalls der Umgebung an, sprechen ungewollt gedämpft. Niemand will die wunderbare Stille zerschneiden, auch wir wollen sie erhalten – zumindest für den Moment, wer weiß, ob das gesamte Klosterleben so ruhig sein wird.

Vesper in der Klosterkirche. Die acht Mönche des Klosters haben im Chorgestühl Platz genommen, vier links, vier rechts, dazwischen sitzen einige Gäste und Gemeindemitglieder, die zur Frühabendandacht gekommen sind. Stille liegt über der Kirche, bis Abt Albert – Vorsteher der klösterlichen Gemeinschaft – zwei Mal auf sein Gebetbuch klopft, das kaum hörbare Zeichen zum Beginn der Vesper. Frater Antonius beginnt als Vorsänger den Vortrag der Psalmen aus dem alten Testament. Er singt zwei Verse, mit ruhiger, klarer Stimme. Nach dem ersten Vers hält er inne; der Klang seiner Stimme verteilt sich im hohen Gewölbe der Kirche. Sich zunächst ausbreitend, dann langsam ersterbend, erweckt der Nachhall des Gesangs ein Gefühl von Wärme in der kalten Kirche, von Sommer inmitten der kühlen Schneelandschaft, von Ruhe inmitten der hektischen Welt vor der Kirchentür. Knappe drei Sekunden lang hört man nichts als den Hall im Gewölbe; erst nachdem der letzte Ton verklungen ist, stimmt Frater Antonius den nächsten Vers an. Nach zwei Versen antworten ihm alle Mönche und die anwesenden Gäste mit den nächsten zwei Versen. Auch hier wird nach jedem Vers eine Pause gemacht, dem Klang und dem Inhalt der eigenen Worte gelauscht. Nach zwanzig Minuten schlägt Abt Albert wiederum auf sein Gebetbuch, die Mönche erheben sich aus dem Chorgestühl, verlassen schweigend die Kirche. Zurück bleiben die Gäste, die erst langsam aus ihrem meditativen, fast hypnotischen Zustand erwachen. Schweigend verlassen auch sie die Kirche.

Beim Abendessen im Refektorium, dem Speisesaal der Mönche, wird geschwiegen. Ohne Worte nehmen die acht Mönche und männliche Einzelgäste des Klosters hier Mittag- und Abendessen ein. Gruppen und weibliche Einzelgäste speisen nebenan im Gästespeisesaal. Während des Abendessens werden geistliche Texte vorgelesen; Abt Albert bedient Mönche und Gäste, trägt Teller mit Brot, Wurst und Käse herum. Zu hören sind die Lesung und das Kratzen von Messern auf Tellern. Doch das Schweigen während der Mahlzeit ist kein bedrücktes, kein trauriges Schweigen. Blickt man von seinem Teller auf, blickt man ins Gesicht eines Mönches, eines anderen Gastes, lächelt man sich zu. Auch ohne Worte fühlen wir uns in der Gemeinschaft der Mönche wohl, non-verbal geben sie uns zu verstehen: ihr seid willkommen. Die Benediktiner von Kornelimünster haben sich Gastfreundschaft auf ihre Fahnen geschrieben; beim Abendessen im Refektorium kann man diese fast mit Händen greifen.

Nach dem Abendessen setzt um halb acht die Komplet den Schlusspunkt unter einen Klostertag. Wieder erfüllen Psalmen die Klosterkirche, wieder ist der Nachhall des eigenen Wortes etwas Verzauberndes. Um kurz vor acht ist ein Klostertag offiziell beendet, Mönche wie Gäste ziehen sich auf ihre Zimmer zurück. Die Gänge des Klosters liegen nun so leer da, wie die Stille dort es schon den ganzen Tag hatte vermuten lassen.

„Ich genieße die Stille hier jeden Tag.“

Fünf Uhr morgens. Durch Lautsprecher ertönt das Wecksignal für die Mönche. Ein dreimaliges „Ding-Dong“, dann wieder Ruhe. Ruhe, die dazu einlädt, sich umzudrehen und noch ein paar Stunden zu schlafen, aber in einer halben Stunde wartet die erste Andacht. Noch recht verschlafen finden wir uns zu Vigil und Laudes, so die Namen der frühmorgendlichen Andachten, ein; unser Organismus ist nicht an den klösterlichen Zeitplan gewöhnt. Den acht Mönchen indes macht das frühe Erwachen nichts aus; jeder Tag im Kloster, wochentags wie sonntags, sommers wie winters, beginnt um fünf Uhr mit dem Weckton. In Anbetracht der frühen Zeit und der winterlichen Kälte findet die Morgenandacht allerdings im kleinen Gebetraum statt; hier ist es warm und schnell wachen wir vollends auf, begleitet von Psalmengesang und dem sonntäglichen Evangelium.

Die Klosterkirche wird erfüllt von mächtigem Orgelspiel und Gesang der Gemeinde. Die acht Mönche ziehen ein, einige in liturgischen Gewändern; Sonntags-Hochamt im Benediktiner-Kloster. Knapp 70 Gemeindemitglieder haben sich in den Holzbänken der großen Kirche eingefunden; die Kirche wirkt dennoch recht leer. Das Hochamt halten die drei geweihten Mönche. Von den acht Brüdern im Kloster sind drei geweihte Priester, einer ist Diakon, vier sind Nicht-Geistliche und „nur“ Ordensleute. „Wir sind nicht viele an diesem Sonntag“ begrüßt einer der Patres die Gemeinde. Auch in Kornelimünster erlebt die Kirche keinen großen Zustrom; langsam und leise werden die Messbesucher weniger. Die Anwesenden aber werden von den Mönchen zum großen Teil gekannt. Während das Nachspiel der Orgel sich unter dem hohen Dach der Klosterkirche verteilt, verlassen erst die Mönche, dann die Gemeindemitglieder den Raum. Stille kehrt wieder ein.

Auch in der Mittagshore, der Andacht um zwölf Uhr mittags, bleibt die Stille erhalten. Hier sind wieder nur die Mönche und einige wenige Gäste des Klosters in der Kirche anwesend; Psalmgesänge erfüllen ein weiteres Mal mit ihrem bewundernswerten Nachklang den Raum. Kurz vor dem Ende der Andacht bricht ein Lichtstrahl durch das große, runde, bunt verzierte Fenster über dem Chorgestühl. Das Licht der Wintersonne bricht sich in dem bunten Glas und ergießt sich wie ein bunter Wasserfall über die betenden Mönche. Als die Sonne von einer Wolke verdeckt wird und das bunte Licht langsam erlischt, verlassen die Mönche den Kirchenraum.

Frater Antonius ist mit 30 Jahren der jüngste der acht Mönche; seit zehn Jahren ist er Benediktiner in Kornelimünster. Für ihn ist die Stille des Klosters nach zehn Jahren zum Normalzustand geworden. „Diese Stille ist hier ja immer, ich bin es nicht mehr gewohnt, ständig bedudelt zu werden.“ Und dann macht er eine Aussage, die verdeutlicht, wie anders, wie viel besinnlicher das Leben im Kloster ist: „Wenn ich in die Stadt komme, finde ich es unheimlich laut. Ein ständiger Lautstärkepegel, ständig irgendwo Musik, Werbung oder Geschrei, das kenne ich sonst gar nicht mehr.“ Trotzdem oder gerade deshalb stellt er fest: „Ich genieße die Stille hier jeden Tag.“

Unsere 24 Stunden im Kloster sind beendet. Versehen mit den besten Wünschen der Mönche verlassen wir die Gemeinschaft der Benediktiner. Schneefall hat wieder eingesetzt, als wir die schwere Klosterpforte hinter uns lassen; schwere, dicke Schneeflocken fallen vom Himmel über der Voreifel und decken die Landschaft weiter zu. Wir sind wieder im „normalen“ Leben angekommen: Auto frei kratzen, bald darauf ungeräumte Landstraßen und verstopfte Autobahnen. Hinter uns deckt der Schnee ganz leise unsere Fußspuren vor der Klosterpforte zu.