Benediktiner haben eine Regel zur Rangordnung

Wer höher ist, war früher da

Aachener Kirchenzeitung, 20.09.2009. Von Roland Juchem.   Der Satz, mit dem Jesus das Gerangel seiner Anhänger beendet, wer von ihnen der Größte sei, ist zu einem Klassiker geworden: „Wer der Erste sein will, soll der Diener aller sein!“ Das ist so gut und griffig formuliert und so „typisch Jesus“, dass alle vier Evangelisten es aufgegriffen und berichtet haben. Bis heute werden Jesu Jünger, also die Christen, an diesem Demut fordernden Antikarriere-Zitat gemessen. Oft genug, so das Urteil der Geschichte, ergibt die Messung deutliche Mängel. Dabei sagt der Satz nicht, Autorität und Herrschaft seien per se gegen den Willen Jesu. Eine Gruppe von Christen, die für sich in Anspruch nehmen, Jesus auf eine besondere Weise nachzufolgen, sind Ordensleute. In ihren grundlegenden Regeln, Armut, Keuschheit und Gehorsam, wird die Frage nach der Rangordnung einer christlichen Gemeinschaft durchaus angeschnitten. Über viel Erfahrung mit dieser mönchischen Lebensform verfügen die Benediktiner. Der Gründer dieser Ordensgemeinschaft, Benedikt von Nursia (um 480 – 547), widmete der Rangordnung unter den Mönchen ein ganzes Kapitel.

Foto: Markus Vahle„Die Rangordnung im Kloster halte man so ein, wie sie sich aus dem Zeitpunkt des Eintritts oder aufgrund verdienstvoller Lebensführung ergibt und wie sie der Abt festlegt“, heißt es im 63. Kapitel. Und auch wenn Benedikt bereits im zweiten Kapitel festgelegt, dass der Abt im Kloster die Stelle Christi vertritt, so soll er doch „keine ungerechte Verfügung“ treffen, „als könnte er seine Macht willkürlich gebrauchen“. Eine Rangordnung gibt es durchaus im Kloster; und die bemisst sich tatsächlich nach dem Datum oder, wie die Regel eigens betont, nach der Uhrzeit, zu der ein Mönch der Gemeinschaft beitritt. „Da ist es egal, ob einer 17 oder 57 ist“, bestätigt Abt Friedhelm Tissen von der Benediktinerabtei Kornelimünster bei Aachen.

Benedikt hatte auch festgelegt, dass der Freie im Kloster nicht höher steht als der Sklave. So etwas Formales wie das Eintrittsdatum als fast alleiniges Kriterium zu nehmen, hält Abt Friedhelm für eine kluge Regelung. Daran ändern auch gelegentliche Ausnahmen nichts. Als der 72jährige Frater David zur Gemeinschaft in Kornelismünster stieß, er hatte sich nach dem Tod seiner Frau fürs Ordensleben entschieden, wurde er vom damaligen Abt Albert Altenähr gleich etwas höher gestellt. Wobei sich die höhere Position vor allem zeigt beim Stundengebet im Chorgestühl, bei Tischgebet,  Friedensgruß und ähnlichem. Umgekehrt genießt ein Abt, abgesehen von seiner Leitungsvollmacht, kaum Privilegien.

„Spülen, Tischdienst, die Pflege älterer Mitbrüder, all das muss ich genauso machen wie die anderen“, sagt Abt Friedhelm. Das klingt beeindruckend; doch der Abt, der auch Schmutzarbeit macht, darf nicht stolz sein, „Letzter zu sein“ und Diener aller. Dass seine Kollegen in größeren Konventen solche Arbeiten eher „pro forma machen“, hat damit zu tun, dass sie mehr Verwaltungs- und Repräsentationsaufgaben übernehmen müssen.

Abt Friedhelms Vorgänger Albert hatte Anfang 2008 sein Amt nach 25 Jahren vollständig niedergelegt. Er war damals 65 und hätte laut Kirchenrecht noch zehn Jahre weitermachen können. Aber er wollte nicht. Und nachdem er im Abschiedsgottesdienst Stock und Mitra demonstrativ auf dem Altar abgelegt hatte, ging Pater Albert Altenähr für neun Monate außer Haus. Damit wollte er auch seinem Nachfolger den Anfang erleichtern. Anfangs, räumt Abt Friedhelm ein, sei Pater Albert hin und wieder noch in die alte Rolle zurückgefallen, etwa bei Gebetsformulierungen, die dem Abt vorbehalten sind. Umgekehrt war es für den neuen Abt auch selbstverständlich, hin und wieder seinen Vorgänger um Rat zu bitten.

Im übrigen soll die ganze Gemeinschaft Rat geben. Diesen soll der Abt gut bedenken. Auf „Schläge und körperliche Züchtigung“, wie sie dem Abt in Kapitel 2,28 zugebilligt werden, greifen heutige Äbte nicht mehr zurück. Nicht nur, weil sie vom Kirchenrecht, dem auch die Benediktiner unterstehen, verboten sind. „Das nützte auch nichts“, sagt Abt Friedhelm. Eine Ordensgemeinschaft heute zu führen verlangt andere Qualitäten. Und von denen finden sich genügend in der Regel Benedikts und in den Erfahrungen des Ordens überhaupt. Deshalb sind Benediktiner wie Anselm Grün oder Notker Wolf auch gern gesehene Refernten in der Wirtschaft.

All das bedeutet nicht, dass die Ordensgemeinschaft in Kornelimünster vor kleinen Rangeleien und Eifersüchteleien gefeit ist. Wer darf wann, was sagen? Wen bevorzugt der Abt? „Aber damit ist es wie überall“, sagt Abt Friedhelm, „Fremd- und Selbstwahrnehmung gehen schon mal auseinander“. Er selber darf laut Ordensregel „nur lehren oder bestimmen und befehlen, was der Weisung des Herrn entspricht“. Und dazu zählt seit 2000 Jahren die Maxime: „Wer der Erste sein will, soll der Diener aller sein“.