Junges Kloster mit 1 200-jähriger Tradition

Die Aachener Abtei Kornelimünster erinnert an ihre Gründung im Jahr 814

Von Michael Merten

Aachen (DT/KNA) Die kahlen Äste des Baums im Innenhof schwanken im Wind. Doch drinnen, im Kreuzgang, ist von dem kaltnassen Winterwetter nichts zu spüren. Die Scheiben der bunt gestalteten Fenster lassen kaum erkennen, wie ungemütlich es draußen gerade ist. Die langen Flure strahlen Ruhe aus, sie trennen den Besucher vom hektischen Alltag. Doch es ist keine abgeschottete Welt, die sich hinter der schweren Holztür an der Pforte auftut. Im Gegenteil: Die neun Mönche des Benediktinerklosters Kornelimünster im Südwesten von Aachen laden regelmäßig Besucher in ihr Refugium ein, sei es zu den Messen oder einem Besinnungswochenende.

Abt Friedhelm Tissen steht einem vergleichsweise jungen Kloster vor, das aber eine viel längere Tradition aufweist. Der Ordensmann, der im Januar 60 Jahre alt wird, blickt auf einen noch viel eindrucksvolleren Geburtstag: 814, also vor 1 200 Jahren, wurde die alte Abtei Kornelimünster gegründet. Bischof Heinrich Mussinghoff wird das Jubiläumsjahr, in dem auch die Heiligtumsfahrt begangen wird, am 9. Februar mit einem Festgottesdienst eröffnen. Eine Tradition zu schultern, die bis in das Todesjahr Karls des Großen zurückgeht, kann eine schwere Last sein. Doch der Klostervorsteher wirkt entspannt. „Nein, eine Last ist das nicht. Aber wir heutigen Mönche leben auch nicht mehr in den alten Gemäuern, vielleicht wäre das sonst eine andere Sache“, erzählt der Abt. Seine Vorgänger residierten in der prächtigen früheren Reichsabtei am Fluss Inde.

Sie geht auf Benedikt von Aniane (750–821) zurück, der um 814 – ganz genau weiß man es nicht – ein Benediktinerkloster gründete. „Es wurde als Musterkloster gebaut, um die Regel des heiligen Benedikt von Nursia im ganzen Reich durchzusetzen“, erklärt Abt Friedhelm. Napoleon verfügte 1802 die Auflösung der wohlhabenden und nach dem heiligen Kornelius benannten Abtei. Erst 1906 kehrten die Benediktiner zurück. Ihr neues Kloster errichteten sie jedoch am Rande des Dorfes Kornelimünster, das heute zur Stadt Aachen gehört. Von ihren Zellen im zweiten Stock können die Mönche derzeit noch die ländliche Idylle der Eifel überblicken. Doch die Stadt Aachen wächst, „in den nächsten Jahren rücken uns die Häuser bis auf 30, 40 Meter heran“, berichtet Abt Friedhelm. Im verkauften Altbau des Klosters entstehen Privatwohnungen.

Abt Friedhelm, gebürtig vom Niederrhein, ist ein offener, humorvoller Mensch. Er begrüßt es, dass Kloster und Bevölkerung sich auch räumlich näherkommen. „Ich bin froh darüber, dass wir keine Klausurmauern haben“, sagt der Mönch, der seit gut dreißig Jahren in Aachen lebt. Er und seine Mitbrüder bieten zahlreiche geistliche Angebote an. Auch viele externe Gruppen vom Yoga- bis zum Trauerseminar über die Firmgruppe nutzen die Räume. Der Alltag der Mönche ist von 6 bis 21 Uhr durch Andachten und Gebete strukturiert. Jeder Mitbruder hat drei bis vier weitere Aufgabengebiete, etwa die Korrespondenz mit Gästen, die Pflege der Homepage, die Betreuung des ältesten Bruders oder die Verwaltung. „Wenn in unserer kleinen Gemeinschaft jemand krank wird, dann merken wir das schnell“, sagt der Abt. Am geistlichen Leben können Gäste teilnehmen. „Viele sind erstaunt, wie lang ein Tag sein kann und wie wenig man braucht“, verrät der Abt. Der Austausch bringe beiden Seiten etwas: „Ganz selten sind solche Begegnungen eine Einbahnstraße.“ Seit einiger Zeit verlesen die Mönche beim Abendessen das Papstschreiben „Evangelii gaudium“. Der Abt ist gespannt auf die Veränderungen, die Franziskus anstoßen will. „Er irritiert die Leute in positivem Sinn. Das kann der Kirche Schwung bringen“, sagt der Abt.

Einen Schwung, so schätzt er, kann auch die Heiligtumsfahrt zu den Tuchreliquien im Aachener Dom und der Pfarrkirche Kornelimünster bringen. Ob die seit dem Mittelalter verehrten Reliquien wie das Grabtuch Jesu auch wirklich von Christus stammen – „diese Frage hat für mich überhaupt keine Bedeutung“, sagt Abt Friedhelm. Denn nur auf eines komme es an: „Sie sind Wegweiser, sie verweisen auf das Leiden und die Auferstehung des Herrn.“

 

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