Muttergottes von Wladimir,

  • Das Fest Mariä Schutz und Fürbitte

    Das Fest Mariä Schutz und Fürbitte

    Kapelle Mariä Schutz

    Die Kapelle im hintersten Winkel unseres Klostergartens hat ein jahrzehntelanges Dornröschen-Dasein geführt. So wie es damals Anlässe und Gründe gab, sie nicht weiter zu „bespielen“, so gibt es heute Impulse und Anstöße, sie neu ins Bewusstsein zu rücken. Beides näher auszuführen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

    Die Kapelle ist das Zuhause einer Schutzmantelmadonna aus dem Jahr 1960. Die fast rustikal herbe Ausführung erzählt diskret von den Stürmen, denen die Menschen ausgesetzt sind. Ein Mönch, eine Frau und ein Mann sind in den Schutz der großen Mutter geflüchtet. Sie hüllt sie bergend in ihren Mantel. – Das „große Rund“ der kleinen Kapelle wiederholt kongenial den bergenden Schutz des Mantels Mariens in der Statue.

    Das Schutzmantelmotiv scheint ein archetypisches Ursymbol zu sein, das sich in allen Kulturen und Religionen findet. Dass es sich im christlichen Bereich vor allem mit Maria verbindet, dürfte ebenfalls archetypisch verwurzelt sein, insofern es die grundlegende Kind-Mutter-Beziehung spiegelt.

    Schutzmantelmadona

    In den orthodoxen Kirchen, und hier besonders jenen, die von Moskau her spirituell stark geprägt wurden, ist der Pokrov Bogomateri, der Schutz(mantel) der Gottesmutter, ein zentraler Punkt gelebter Spiritualität. Diese Wertschätzung geht wesentlich auf den Fürsten Andrej Bogoljubski (1111-1174.) zurück, der das Zentrum des Kiewer Rus nach Wladimir (190 km östlich von Moskau) verlegte und sich dem Schutz der Gottesmutter anvertraute (1157). Um das zu verdeutlichen, brachte er eine Ikone in seine neue Residenz - die berühmte Muttergottes von Wladimir[1] - und verfasste zur Legende einer Marienerscheinung aus dem 10. Jhd. eine Ergänzung. Darin stellt er sich in die Nachfolge und unter den Schutz des seligen Andrej des Toren, der diese Erscheinung hatte.

    Als der selige Andreas der Narr um Christi willen (+936) einmal zusammen mit vielen Menschen in der Blachernenkirche von Konstantinopel betete, schaute er die Allheilige Gottesgebärerin. Sie trat durch die Königstür der Ikonostase und fiel vor dem Thron auf die Knie. „Hilf deinem Volk, das von einem feindlichen Heer bedroht wird.“ Der selige Andreas fragte Epiphanias, seinen Schüler: „Siehst auch du die Allheilige?“ „Ich sehe sie und bin verwirrt erschreckt!“ Nach ihrem Gebet nahm die Allheilige Gottesgebärerin ihr Schleiertuch vom Haupt und breitete ihn über die Beter aus. Die Flotte der Feinde aber wurde zerstört[2].

    Icon of theotokos pokrov naive

    Unter den vielen Kirchen, die dem Schutz und der Fürbitte Mariens geweiht sind, ist die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau wohl die bekannteste[3]. Geschichtlich bedeutsamer ist die bereits von Fürst Andrej Bogoljubski erbaute Schutz-Mariä-Kirche am Fluss Neri bei Wladimir (Weltkulturerbe).

    Die orthodoxen Kirchen begehen ein eigenes Fest „Mariä Schutz und Fürbitte“ mit hochfestlicher liturgischer Wertung am 1.Oktober. Der lateinische Westen kennt zwar seit dem 13. Jahrhundert zahlreiche Kunstwerke von Schutzmantelmadonnen, hat aber kein eigenes Fest entwickelt.

    Allgemein lässt sich sagen, dass a l l e Marienfeste stark vom Fürbittgedanken geprägt sind. Nicht wenige Feste haben den Hintergrund von Kriegsgefahren und -Erfahrungen und der in solchen Situationen starken Schutzsehnsucht. Maria ist also durchaus als „Schutzfrau“ präsent, ohne dass das Attribut des Schutzmantels zur Sprache käme.Der unter Pius VII. nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft Napoleons 1814 eingerichtete Gedenktag „Maria Hilfe der Christen“ wird zwar gelegentlich als Schutzmantelfest bezeichnet, hat aber nicht im entferntesten das spirituelle Gewicht des orthodoxen Festes[4]. Das konfessionsübergreifend bekannte altkirchliche Gebet „Sub tuum praesidium – Unter deinem Schutz und Schirm“[5] und unser Kirchenlied „Maria, breit den Mantel aus“ (1640) sind herausragende Zeugnisse der Schutzmantel-Frömmigkeit.

    Albert Altenähr
    2016-10-01

     


    [1] Die Ikone wurde Anfang des 12. Jhd. in Konstantinopel geschrieben. Ab 1155 war sie in Wladimir, 1395 wurde sie nach Moskau verbracht, seit 1930 ist sie in der Tretjakow-Galerie. Die Ikone gilt als Nationalheiligtum Russlands und ist damit eine der wichtigsten Ikonen der Orthodoxie überhaupt https://de.wikipedia.org/wiki/Gottesmutter_von_Wladimir

    [2] Die abgebildete Ikone erzählt die Vision Andreas’. Er selbst und sein Schüler sind rechts neben der Tür der Ikonostase zu sehen. Links der Tür ist mit einer Schriftrolle Romanos der Melode (5. Jhd.) dargestellt, der Verfasser des berühmten Hymnus Akathistos. Sein Fest wird wie das Fest Mariä Schutz am 1. Oktober gefeiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Romanos_Melodos Oben im Ikonenbild breiten zwei Engel den Schutzschleier Mariens über der Szene aus. Dieses Detail erinnert an eine „Wunder-Liturgie“, die in der Blachernenkirche bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer (1204) jeden Freitag gefeiert wurde. In dieser Liturgie wurde die dort verehrte Reliquie des Schleiers Mariens über die Gläubigen ausgebreitet.

    [3] Die Kathedrale wurde von Zar Iwan dem Schrecklichen ab 1555 erbaut. „Basilius-Kathedrale“ ist nur ihr inoffizieller Name. Eine Kapelle Basilius’ des Seligen (1468-1552 oder 1557) wurde 1588 über seinem Grab errichtet. Seine Beliebtheit und Verehrung verdrängte den offiziellen Namen der Kathedrale. https://de.wikipedia.org/wiki/Basilius-Kathedrale

    [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Maria,_Hilfe_der_Christen

    [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Unter_deinen_Schutz_und_Schirm

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