Regel Benedikts von Nursia

  • 28. Februar 2016

    28. Februar 2016

    P. Albert ist eingeladen, in der Heimkehrer-Dankeskirche in Bochum-Weitmar, eine Fastenpredigt zum Thema "Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen" zu halten.

  • Das ist Benedikts Regel (Gedicht-Impuls)

    Das ist Benedikts Regel

     

    Das Alpha-Wort

    und das des Omega

     

    Ausculta 840x630

     

    Pervenies 840x630

     

    Einfacher geht nicht

    und mehr schon gar nicht

     

    Albert Altenähr
    2015-11-24

     

    Fotos: Sonnenaufgang, 2015-11-24  /  Sonnenuntergang, 2015-11-23

    "Ausculta = Höre" : erstes Wort der Regel Benedikts
    "Pervenies = du wirst ankommen" : letztes Wort der Regel

  • Demut - das Lächeln des Glaubens

    Demut - das Lächeln des Glaubens

    Als ich um den folgenden Beitrag (für das Theo-Magazin, Heft 2/2017) gebeten wurde, versuchte man mir die Zusage u.a. damit schmackhaft zu machen, dass ich ja vielleicht irgendwo etwas hätte, dass ich jetzt einfach freigeben könnte. Ich suchte dann auch und fand einige Gedanken von 2002, die ich auch heute noch in ein Gespräch über die Demut einbringen könnte und würde. Zugleich tat sich mir beim Lesen der alten Gedanken auf, dass ich heute etwas mehr sagen und insgesamt den Horizont weiter zeichnen würde.

    Farn in der Entfaltung

    Die alten Gedanken von vor 15 Jahren

    In einem Gespräch vor meinem Klostereintritt – so erzählte meine Mutter gelegentlich – habe sie meinem künftigen Novizenmeister einmal gesagt, für das Ordensleben benötige man wohl vor allem Demut. Der Magister widersprach nicht. Ich habe nie erfahren, was weiter zu dem Thema gesagt wurde, aber ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter mir die nötige Demut nicht zutraute.

    Meine Mutter kannte die Benediktregel damals noch nicht. Hätte sie ihr langes siebtes Kapitel über die Demut gelesen, wäre sie gewiss in ihrer Aussage noch weiter bestärkt worden. Gleichzeitig wäre sie wohl etwas ratlos gewesen angesichts der zwölf Stufen, die Benedikt der Demut zuschreibt. Auch nach 40 Klosterjahren und auch als Abt tue ich mich nicht leicht, das Thema Demut Mitbrüdern, Neueintretenden und den Menschen überhaupt nahe zu bringen und schmackhaft zu machen. Das Wort ist belastet. Es wird nicht selten mit „gebrochenem Rückgrat“ und „Katzbuckeln“ assoziiert. In die heutigen Visionen von Ich-Werdung und Selbstverwirklichung scheint es nicht hineinzupassen.

    Von mir selbst sage ich hin und wieder: „Es ist mir schon viel nachgesagt worden, - dass ich demütig sei, aber noch nie.“ Wenn man mit „Demut“ eine Schwäche zum aufrechten Gang und mit Minderwertigkeitsgefühlen verbindet,... dann strebe ich sie auch nicht an. Demut ist nach meinem Dafürhalten ein positiver Wert, der zu einem gelungenen Leben einfach dazugehört. Hier und da habe ich ein Zipfelchen von ihr gesichtet... und vielleicht sogar schon in der Hand gehalten.

    Benedikts zwölf Stufen der Demut haben mich motiviert, zwölf Sätze zur Demut zu formulieren, die mich - und vielleicht auch den Leser - anregen, einmal neu über die Demut nachzudenken:

    1. Demut wächst aus der Stärke.
    2. Demut kann den Kopf unter den Arm nehmen,
      ohne das Gesicht zu verlieren.
    3. Einen Demütigen kann man nicht demütigen.
    4. Demut schaut in den eigenen Spiegel.
    5. Demut erklärt Versagen nicht weg.
    6. Demut entschuldigt sich bei anderen.
    7. Demut ist lernfähig und –willig.
    8. Demut ist das Ja zur Erde
      und Sehnsucht nach dem Himmel.
    9. Demut wagt den Schritt aus der Grenze in die Weite.
    10. Demut ist die Zumutung von Mut.
    11. Demut übt den Himmel.
    12. Demut ist nie Besitz,
      sondern stets Versuch.

    Pusteblume

    Der zugewachsene Horizont

    Inzwischen sind 15 Jahre vergangen. Vor zehn Jahren habe ich die Aufgabe der Leitung unserer Gemeinschaft abgegeben. Ich habe das goldene Professjubiläum gefeiert, begehe in diesem Jahr das goldene Priesterjubliäum und bin 75 Jahre alt geworden. Angesichts solcher „Daten“ stellt sich durchaus die Frage, was war eigentlich in all den langen Jahren des Klosterlebens. … und da kommt dann diese Zeitschrift und fragt nach einem Beitrag über die Demut, jene Tugend, die mir meine Mutter 1961 als Lebensaufgabe in den Klostereintritt mitgab.

    Ja, ich glaube in diesen 15 Jahren durchaus noch etwas geschehen. Da ist zunächst einfach die Entscheidung, die Leitung – das „Sagen“ – in der Gemeinschaft abzugeben und dann damit auch zu leben. Ich fand es nicht schwer zurückzutreten, es kann aber gelegentlich durchaus schwer werden, zurückgetreten zu sein und zu akzeptieren, dass die eigene Stimme jetzt nur eine im Zusammenspiel der Stimme aller anderen Mitbrüder ist. Das wiederum bedeutet nicht, dass ich jetzt den Mund halten sollte, weil ich nicht mehr „das Sagen“ habe. Meine Überzeugungen und Meinungen dürfen wichtig bleiben, aber sie mischen sich jetzt anders in das Gemenge der Entscheidungsprozesse der Gemeinschaft ein.

    Wichtiger als das äußere Faktum des Amtsrücktritts wurde die Chance, Spiritualität ohne den Druck zu (er)leben, sie schnell und verbal in die Gemeinschaft und in das Umfeld des Kloster vermitteln zu müssen. Die Spiritualität durfte sich neu erleben als Saat, die Zeit braucht zum Wachsen und Reifen. Wenn ihre Zeit gekommen ist, dann bietet sie ihre Frucht an.

    Narzissenblüte

    Mönchtum – die poetische Dimension des Christseins

    Ich erlebe Christsein heute stärker in den Fängen des Machbarkeitsdenkens, als ich das in der Vergangenheit sah. Da ist zum einen das, was wir als Christen „nach draußen“ alles machen sollten und müssten. Ich empfinde den mssionarischen und diakonalen Impetus des Christentums in seinen gängigen Äußerungen von einem außerordentlicher Macher-Drang geprägt. Innerkirchlich – bis in die sehr persönliche Spiritualität (auch die eigene!) – meine ich, ein ähnliches Machen-müssen und –können zu sehen. Wo das kritisch angefragt wird, wird relativ schnell von Welt- und Verantwortungsflucht und von Flucht in eine privatistische Innerlichkeit geredet.

    Vor vielen Jahren sagte der Abt meiner Heimatabtei, er antworte auf die häufige Frage „Was tut ihr eigentlich?“ gerne: „Wir sind!“ Die alte Aussage der scholastischen Theologie „Agere sequitur esse – Das Handeln erwächst aus dem Sein“ ist eine Variante dieses Wortes meines damaligen Abtes. Ich frage mich heute gelegentlich, ob ich das biblische Wort „Seid heilig, denn ich bin heilig“ (1 Petr 1,15) nicht auch übersetzen darf als „Seid, denn ich bin.“

    Konkreter versuche ich mir diesen Horizont des Christseins als einen Horizont der Poetischen zu erschließen. Diese Dimension lässt mich die göttliche Leichtigkeit, das Spielerische, den Tanz, das Lachen und den Humor des Glaubens erahnen. Eine poetische Perspektive des Glaubens ahnt sich über das heute Erkannte hinaus in die Weiten un-endlicher Weiten. Sie liest das Buch Gottes mehr als An-Deutungen denn als Aus-und-zu-Ende-Deutungen. Eine Basta-Theologie des Jetzt-hab-ich’s und des abschließenden So-ist-es-Punkt-um ist mir im Laufe der Zeit immer fragwürdiger geworden.

    In unserer benediktinischen Ordensregel ist mir das Berufungskriterium „…ob er wirklich Gott sucht“ ein Leitwort dieses Denkens geworden. Benedikt fragt nicht danach, ob der Mönch einen festen oder gar fertigen Glauben hat. Das Suchen, das wirklich Suchen, das wirklich Gott Suchen stellt den Mönch auf einen Weg der Sehnsucht, die hungriger wird, je weiter sie ihn führt.

    Wiesenschaumkraut

    Der Anfang, der Begleiter und das Ziel der Demut –
    du Gott der Huld und Treue

    Im Psalmengebet ist mir im Lauf der letzten Jahre die häufige Wortkombination „Huld und Treue“ (z.B. Ps 89) aufgestoßen und wichtig geworden. Die Einheitsübersetzung lässt diese Kombination nicht immer erkennen; sie variiert die Übersetzungen.

    Die Aussage „Du bist ein Gott der Huld und Treue“ ist mir ein Cantus firmus des Psalmengebets geworden. Ich glaube darin die Summe des Glaubens der alttestamentlicher Dichter und Sänger zu erkennen. Sie singen Huld und Treue gewisser als die “Hausnummer“ Jahwes, als den „Polarstern“ für die Navigation durch die Landschaften ihres Lebens. Wenn es ihnen gut geht, ist es ihr Freudenlied. Wenn es ihnen schlecht geht, beschwören sie Jahwe mit diesem Doppel-Namen „Huld und Treue“: „Sei doch du selbst, du kannst dich doch nicht verleugnen.“

    Natürlich dürften die alten Beter sich genauso gefragt haben wie wir heutigen es tun: reden wir uns das nicht nur ein. Ihre Antwort ist der Blick zurück auf die guten Erfahrungen, die der Einzelne, aber auch das ganze Volk mit diesem Gott gemacht hat. „Vergiss nicht das Gute, dass er dir getan hat“ (Ps 103,2). Solche Erinnerungskultur ist die Basis für die nächsten Schritte auf dem Weg und für das große Ziel, anzukommen in die „Ruhe“, den Sabbattag der Zeit. (vgl. Gen 2,3). Insofern greift es zu kurz zu sagen „Das reden wir uns nur ein“. Indem wir es in uns hineinreden und –singen, pflegen wir unser Inneres, stärken die Schrittsicherheit und schöpfen Kraft und Perspektive für das Weitere.

    Wiesenblume

    Demut – ein anderes Wort für das Ganze des Glaubens

    Die Weiterung, die ich meinen alten Gedanken von 2002 gegeben habe, lässt natürlich fragen, ob ich wirklich beim Thema Demut geblieben bin. Ich glaube schon, allerdings mit einer wesentlichen Neuorientierung. Demut ist mir nicht mehr eine Einzeltugend neben anderen. Sie ist nicht ein Werkstück, das nach langer Arbeit hochkarätig fertig und dann gut geölt jederzeit abrufbar funktionsfähig ist. Sie ist ein Lächeln des Glaubens, der – wenn es gut geht – das Psalmwort spiegelt: „Die einen sind stark durch Wagen, die andern durch Rosse, wir aber sind stark im Namen des Herrn, unsres Gottes“ (Ps 20,8).

    Albert Altenähr OSB
    2002-06-22 / 2017-03-23

    PS: Die Fotos im obigen Beitrag sind bei uns im Garten entstanden; sie sind nicht dem Theo-Magazin entnommen. Vielleicht sind es etwas viele Fotos, die das Lesen des Textes zu sehr unterbrechen. Andererseits wollen sie "Pausen-Elemente" sein, die zum eigenen (Weiter-)Denken einladen möchten.

  • Du bist wichtig. Über die Bräuche im Kloster

    Du bist wichtig

    Über die Bräuche im Kloster

     

    Lehrer Schüler

     

    Der Bruder kam zum Abt des Klosters

    und fragte:

     

    Meister ist es wichtig, dass die Lesung mit einer festen Formel beginnt und endet?

    Nein, mein Sohn es ist nicht wichtig.

    Ist es wichtig, dass man in einer bestimmten Reihenfolge durch die Tür geht?

    Nein, es ist nicht wichtig.

    Ist es wichtig, wie man die Hände zum Gebet hält?

    Nein, es ist nicht wichtig.

    Ist es wichtig, … fragte er noch viele Dinge,

    und der Abt gab stets dieselbe Antwort.

     

    Warum, Meister, fragt er schließlich,

    schimpfen denn die Brüder über mich?

    Der Meister schaut ihn an

    und schweigt.

     

    Nein, das alles ist nicht wichtig.

    Du selber aber bist den Brüdern wichtig.

    Darum mach dich nicht so wichtig.

     

    Tu, was bei uns Brauch ist.

    Und exkommunizier die Brüder nicht von dir.

    Das macht dich einsam und so bitter.

     

    Albert Altenähr
    2016-03-03

  • Gott ist ein Dichter ... (Benediktin. Spiritualität)

    Gott ist ein Dichter,
    Welt und Menschen sein Psalter

    In seiner viel beachteten Rede anlässlich der Verleihung des Friedenpreises 2015 des deutschen Buchhandels[1] hat der Preisträger, Navid Kermani, eine Analyse des heutigen Islam entfaltet, deren Ansatz weit über die Grenze seiner Religion hinaus reicht. Es lohnt sich, diesen Ansatz in das Christentum hineinzudenken, in seine theoretische Theologie und in seine praktische Basiswirklichkeit. Ich selbst versuche, Kermanis Gedanken für mein Selbstverständnis als Mönch in der Kirche und in der Welt zu bedenken, für meinen „übersetzenden“ Umgang mit der Heiligen Schrift, für mein Feiern der Liturgie, für mein Predigen, für meine kurzen „Verdichtungen“.

    Navid Kermani sagte in der Frankfurter Paulskirche: „Es war einmal denkmöglich und sogar selbstverständlich, dass der Koran ein poetischer Text ist, der nur mit den Mitteln und Methoden der Poetologie begriffen werden kann, nicht anders als ein Gedicht. Es war denkmöglich und sogar selbstverständlich, dass ein Theologe zugleich ein Literaturwissenschaftler und Kenner der Poesie war, in vielen Fällen auch selbst ein Dichter. …. Ein solcher Zugang zum Koran, obwohl er der traditionelle ist, wird [heute] verfolgt und bestraft und verketzert. Dabei ist der Koran ein Text, der sich nicht etwa nur reimt, sondern in verstörenden, vieldeutigen, geheimnisvollen Bildern spricht, er ist auch kein Buch, sondern eine Rezitation, die Partitur eines Gesangs, der seine arabischen Hörer durch seine Rhythmik, Lautmalerei und Melodik bewegt. Die islamische Theologie hat die ästhetischen Eigenheiten des Korans nicht nur berücksichtigt, sie hat die Schönheit der Sprache zum Beglaubigungswunder des Islams erklärt. Was aber geschieht, wenn man die sprachliche Struktur eines Textes missachtet, sie nicht einmal mehr angemessen versteht oder auch nur zur Kenntnis nimmt, das lässt sich heute überall in der islamischen Welt beobachten. Der Koran sinkt herab zu einem Vademekum, das man mit der Suchmaschine nach diesem oder jenem Schlagwort abfragt. Die Sprachgewalt des Korans wird zum politischen Dynamit.“

    Turmkreuz 2015 10 840 x 607

    Es war einmal denkmöglich und sogar selbstverständlich, dass … die Bibel und die Kirche ein poetischer Text und eine poetische Wirklichkeit sind … Die Theologie und Sprache der Kirchenväter, - das frühe Mönchtum und seine Väter- und Mütter-Sprüche, - die Psalmen als Mutterboden und tägliches Brot für das Gebet der Klöster (… und das der Kirche allgemein), - die Himmelsstürme der Mystik, - die Musik und die Kunstwerke der und in den Kirchen, sie alle haben etwas Poetisches an und in sich. Mehr noch, sie sind Poesie des Glaubens.

    Was bedeutet das für die Theologie, das Christsein, für mich als Mönch? Die poetische Dimension bewahrt den Glauben davor, ihn auf die Handlichkeit einer Gebrauchsanweisung zu reduzieren. Das Wissen um die Poesie des Glaubens sprengt das Denken, dass die Qualität der Religiösität sich mit einer Checkliste von diesem und jenem messen lässt. Mit dem Abhaken einer Liste von Geboten und Verboten lässt sich nicht feststellen, ob jemand ein „guter“ Christ, Katholik oder Mönch ist. Das Motto „Führ-den-Nippel-durch-die-Lasche“ ist zwar angenehm griffig, ist aber ein Werkzeug, das dem Glauben unangemessen ist.

    Die poetische Dimension ist ein Korrektiv zu einer immer wieder festzustellenden Ethisierung und Asketisierung der Religion und des religiösen Lebens. Ohne in Frage zu stellen, dass Ethik und Askese ihren legitimen und notwendigen Platz im religiösen Leben haben, kann und darf Religion nicht darauf reduziert werden. Der häufig gehörten Warnung, dass Religion sich nicht in die Innerlichkeit zurückziehen dürfe, darf und muss geantwortet werde, dass Religion sich nicht in die Äußerlichkeit hinausflüchten darf. Mir scheint, dass die westliche Welt – und auch die westlich geprägten Kirchen - mit ihrem Effizienzdenken mindestens ebenso – wenn nicht sogar mehr – vor einem Mangel an Poesie und Innerlichkeit gewarnt werden müssen wie vor einer Überdimensionierung des Innerlichen. Die Seele darf nicht auf dem Altar des Erfolgs geopfert werden.

    Die poetische Dimension führt das monastische Selbstverständnis zurück in die Einfachheit und hinaus in die Weite. Sie entdeckt die „Regula“ und verheddert sich nicht den „Regeln“, den Regulierungen, den Vorschriften der Ordenskonstitutionen, der Hausbrüche oder der liturgischen Rubriken.

    Es ist wohl kein Zufall, dass die Regel des hl. Benedikt mit einem Prolog beginnt. Das ist nicht ein sprach-banales Vorwort, sondern ein gewicht-gefülltes Voraus-Wort. Und dieses Voraus-Wort beginnt mit einem Archi-Logos, einem Erst-Wort. Dieses erste Wort ist ganz einfach, es ist schlicht und einfältig, - ja, vielleicht darf man sogar sagen: es ist „unschuldig“: „Höre!“ In seiner Unschuld schaut das „Höre“ weit in die Tiefe und unendlich weit über die irdischen Grenzen hinaus. Könnte - oder sollte man es sogar?! – vielleicht so übersetzen: „Höre das neue Jerusalem?“

    Wenn der Arzt seinen Patienten mit dem Stethoskop abhorcht, dann lauscht er auf die Töne unter der Haut. Sein Fachausdruck für dieses Tun ist „Auskultieren“, genau das Wort, mit dem die Regel Benedikts beginnt: „ausculta.“ Der Mönch Benedikts ist einer, der das Lied Gottes in den Dingen dieser Welt glaubt und seine Melodie aufspüren will. In dem Geschaffenen, dem Her- und Hingestellten glaubt er die dichte Liebe des Schöpfers. Er glaubt sich selbst und die Welt als ein Gedicht … und staunt, dass es so ist.

    Albert Altenähr
    2015-11-06

     


    [1] http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/819312/

  • Höre, mein Sohn (Gedicht-Impu)ls

     

    Ausculta, o fili
    RB Prolog 1

     

    Höre, mein Sohn,

    die Leere des Meisters

     

    Sie ist der Klangraum

    für die Liebe des Herrn.

     

    Tritt ein,

    und werde

     

    zum Lied.

     

     

    Albert Altenähr
    2012-04-07

  • Matthäus 25,35 Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen (Fastenpredigt 28.2.2016)

    Ich war fremd und obdachlos,

    und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35)

    Fastenpredigt in der Heimkehrer-Dankeskirche, Bochum-Weitmar
    am 28. Februar 2016

     

    2016 02 28 Heimkehrer Dankeskirche BochumFoto: Hermann Haferkamp, Bochum

     

    Ich habe mich schwer getan, Ihre Einladung zu dieser Fastenpredigt „Fremde beherbergen“ in der „Heimkehrer-Dankeskirche“ anzunehmen. Es ist für mich eine Begegnung mit der eigenen Geschichte, die ich wohl bis heute immer wieder und immer noch zu verdrängen suche.

    Mein Vater ist nicht aus Stalingrad heimgekehrt. Er ist dort vermisst – Anfang Januar 1943. 1955, als Adenauer die letzten Kriegsgefangenen in Moskau frei-verhandelt hatte, saß ich jeden Tag vor dem Radio und verfolgte die Verlesung der Heimkehrer-Namen, die im Auffanglager Friedland eintrafen. Sein Name war nie dabei. Und am nächsten Tag war die gestern enttäuschte Hoffnung wieder da.

    Ein Buch über Stalingrad habe ich bis heute nicht gelesen, … nicht lesen können. Und das obwohl ich gerade geschichtlich äußerst interessiert bin und bei meinen Mitbrüdern und wohl vielen anderen als emotional eher harter Knochen gelte.

    Um 1958 spielte mein älterer Bruder in einer Schülerinszenierung des Gymnasiums mit Begeisterung den Heimkehrer Beckmann in Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“, und ich musste ihm zu Hause den Rollentext wieder und wieder abhören. Das Stück endet mit einem dreifachen Schrei voller „Warum?“ Wolfgang Borchert selbst schreibt in einem Brief: „Beckmann geht am Ende nicht in die Elbe. Er schreit nach Antwort. Er fragt nach Gott! Er fragt nach der Liebe! Er fragt nach dem Nebenmann! Er fragt nach dem Sinn des Lebens auf dieser Welt! Und er bekommt keine Antwort“[1]. Der Titel des Stücks „Draußen vor der Tür“ wurde mir ein Lebensgefühl: Du hast keinen Vater, … wie die Freunde, die Mitschüler. Du hast nicht einmal ein Grab, wo du ihn betrauern könntest. Du bist „draußen, … vor der Tür“.

    Und noch einmal drei Jahre später – 1961 – trat ich in ein Benediktinerkloster ein. Ein Benediktinerkloster! Erst viele Jahre später stieß ich auf einen psychologischen Grund, warum es gerade ein Benediktinerkloster war, das mich in seinen Bann gezogen hatte. Es verstand sich als eine (monastische) „Familie“ mit vielen „Brüdern“ und hatte an seiner Spitze einen, der „Vater Abt“ genannt wurde. Und 21 Jahre später wurde ich selbst einer von denen, die in alter Tradition diesen Titel trugen: „Vater Abt“.

    Liebe Schwestern und Brüder, für eine Predigt und selbst für eine längere Fastenpredigt war das ein ziemlich langer und dazu noch ein nicht-biblischer Hinweg zum Thema. Und doch glaube ich, dass wir bereits mitten drin sind im Thema „Fremde beherbergen“.

    „Fremde beherbergen“ stellt die Frage nach dem Fremden in mir, nach dem Fremden aus dem Jenseits und nach den Fremden, die an unseren Grenzen stehen. Fremde, das sind „das Fremde“, das ich an und in mir selbst erlebe -, „der Fremde“ Gott, der nicht so ist, wie ich ihn gern hätte -, „die Fremden“ mit ihren so vielfach anderen Hintergründen und Erfahrungen, die ich nicht weiß, verstehe und kaum nachfühlen kann.

     

    1. Das Fremde in mir auf Herbergssuche

    In dem Roman von Michael Ende „Die unendliche Geschichte“ sagt der Autor einmal über seinen kleinen Helden, Bastian Balthasar Bux: Er wollte immer ein anderer sein, aber er wollte sich nie ändern. Bastian – er mag im wirklichen Leben auch Albert heißen wie ich oder auch Ihren Namen tragen – erkannte sehr gut, dass er nicht die ganze Welt ist. Er weiß, dass ihm vieles fehlt und dass ihm unendlich viel Gutes fehlt, das seine unfertige, gebrechliche und durch und durch brüchige Persönlichkeit weit davon entfernt ist, eine leuchtende Strahleexistenz zu sein. Er sehnt sich danach, ein in sich runder Mensch zu sein und verweigert sich gleichzeitig, es zu werden. Die Notwendigkeit, sich zu ändern, ist ihm zu herausfordernd. So wendet sich seine Not nicht, weil er nicht wendig genug ist. Er scheut, sich heraus-fordern zu lassen, er bleibt bei sich selbst. Er bleibt der alte und wird nicht neu.

    Wenn ich in mich selbst hineinschaue, dann ist da noch viel mehr, als ich bei Bastian Balthasar erkenne.

    Bin ich mit meinem Charakter versöhnt? Ich bin nicht der Champion des Smalltalks in den kleinen Runden, geschweige denn auf den Parties oder gar bei Empfängen. Das lockere Wort schärft sich schnell zur spitzen Bemerkung, die piekst und verschreckt. Und so bin ich kaum „Everybody’s Darling“. Kritisch und doch auch bewundernd blicke ich auf den Charme derer, die sich auf dem Parkett leicht tun und sich in ihrem Element fühlen. Warum bin ich nicht so?

    Ich habe dieses angefangen und jenes. Das eine ist zu einem guten Ende gekommen, anderes ins Leere gelaufen, vielleicht müsste ich sogar sagen: gescheitert. Wenn ich rede, dann scheint es aber die wenig ruhmvollen Dinge nicht zu geben. Ich bin da wohl nur wie viele andere auch: einer, der eine Fassade aufbaut, die gut auszusehen hat, damit man nicht sieht, wie es dahinter ausschaut. Und dann bin ich ganz schnell der Überzeugung, dass diese Fassade der wirkliche und ganze P. Albert ist. Und damit betrüge ich mich selbst und die anderen noch dazu.

    Ich bin getaufter Christ, habe Jesus Christus als Mönch zu meinem Beruf gemacht, wurde von der Kirche als Priester geweiht, sein Wort zu verkünden und seine Heilsgeschenke für die Gemeinde zu feiern. Kann ich das eigentlich, darf ich das wirklich, wo ich doch eigentlich sagen müsste, dass der Sünder in mir kein geeigneter Zeuge für den heiligen Gott ist?

    Nicht nur die Hausfrau, sondern jeder normale Mensch weiß, dass es nicht gut tut, die Augen vor dem Dunklen, Ungeliebten, Befremdlichen in uns zu verschließen, es links liegen zu lassen, es unter den Teppich zu kehren. Es erledigt sich nicht von selbst. Unangeschaut, verdrängt, nicht bearbeitet, baut es sich mehr und mehr zu einem Berg auf, der nicht sich selbst, sondern schließlich uns erledigt. Was unter den Teppich gekehrt wird, baut eine Eigendynamik auf, auf deren Beherrschung wir verzichten. Sie bleibt ohne Kontrolle und gerät immer mehr außer Kontrolle.

    Das Dunkle und Unschöne …, das Ungeliebte und ins Abseits Verdrängte …, das so befremdlich Fremde …, der andere Albert – oder wie immer er heißt – muss angeschaut werden, wenn ich die Sehnsucht habe, ein „runder“ Mensch zu werden. Es ist beileibe keine religiöse Frömmelei, die Übung der Gewissenserforschung zu pflegen. Und ich glaube auch nicht, dass es ein Gewinn an Mündigkeit war, dass wir in den letzten Jahrzehnten die Praxis der Beichte weitgehend „ad acta“ gelegt haben. Es war ein Verzicht auf Grenzöffnung und Weite …, ein Rückzug in den Schrebergarten kleinbürgerlicher Selbstgerechtigkeit. Es war ein Verzicht auf ein Gegen-Über …, auf einen Widerpart, mit dem zu ringen uns weiterbringt.

    Diese letzten Gedanken führen uns über die Fremdheiten in mir selbst hinaus und konfrontieren uns bereits mit dem großen Fremden, mit Gott.

     

    2. Gott, der Fremde vor meiner Tür

    Gott – ein Fremder? Er, der uns in seinem Sohn so nah geworden ist …, Fleisch geworden …, einer wie wir, angefangen von den nassen Windeln in der Krippe von Betlehem bis zum Angstschweiß der Gottverlassenheit am Ölberg?

    Ja, Gott ist ein Fremder und er bleibt ein Fremder. Auch in seinem Sohn ist er nicht zu einem Kumpel geschrumpft, dem wir kumpelhaft auf die Schulter klopfen oder in die Seite stupsen können. Er ist auch nicht der langbärtige Alte, den man nicht ganz ernst nehmen muss und vor dem man mit einem Augenzwinkern erscheint: „Hi, Alter. Da sind wir, alles kleine Sünderlein. Nimm’s nicht so ernst. Mach Platz, wir wollen rein ins Paradies.“ Diese Gotteskarikatur ist ja wohl wirklich nicht der Gott, den wir bekennen und glauben.

    Gott – egal ob wir an ihn glauben oder nicht – ist in unserem Verständnis immer größer als wir selbst. Das gehört schlicht zum Begriff „Gott“, wie wir ihn kennen und verstehen. Und diese Größe, an der unser Erkennen und Wissen knabbert und scheitert, macht ihn rätselhaft und geheimnisvoll. Seine Größe erzeugt in uns Ehrfurcht, Distanz, oder Furcht und Angst, oder allgemein Fremdheit und möglicherweise eben auch Ablehnung.

    Gott fügt sich nicht ein in unsere Schemata. Sie sind zu begrenzt für ihn. Ihn auf unser Maß zurechtzustutzen, ist ein Versuch, mit ihm fertig zu werden. Das aber macht ihn kaputt. Das macht ihn fertig, so dass er schlussendlich nicht mehr Gott ist, sondern nur noch der Popanz unserer eigenen Engstirnigkeit. Er ist nicht mehr das Urbild, nach dessen Größe wir gestaltet sind, sondern das Abbild, das Ebenbild unserer Zwergenhaftigkeit. Er wird zum Gartenzwerg unseres Schrebergartens.

    Das Johannes-Evangelium bekennt die Nähe und gleichzeitige Fremdheit Gottes mit dem Wort: „Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Näher kann man Nähe kaum ausdrücken und Fremdheit wohl auch nicht. Der Eigentümer wird nicht reingelassen. Er muss draußen vor der Tür bleiben. Er wird ausgesperrt. Er wird von denen, die drinnen sind, zum Fremden gemacht.

    Die Auseinandersetzung mit diesem fremd-nahen Gott bestimmt weite Teile unserer biblischen Überlieferung. Wer ist er? Wer bist du, Gott? Du, meine Sehnsucht? Du -, der, an dem ich mich abarbeite, ohne dass ich an ein Ende komme? Du -, der, von dem ich mich immer wieder verlassen fühle und von dem ich doch nicht lassen kann?

    Eine biblische Erzählung (Gen 32) ist mir persönlich eine Schlüsselerzählung für den Zugang zu diesem Fremden und den Umgang mit ihm. Nach langen Jahren des Exils will Jakob zurück in die Heimat Kanaan. Aber da hat sein feindlicher Bruder Esau das Sagen. Zwischen beiden ist der „Grenzzaun“ des Flusses Jabbok. Nacht der Angst, der Albträume, des Verzagens, des „Das geht nicht gut“, „Das schaffe ich nicht.“ Dann wird erzählt, dass einer – es wird nicht gesagt, wer das ist – mit ihm rang, die ganze Nacht hindurch, bis in die Morgenröte hinein. Am Ende fragt der Unbekannte Jakob nach seinem Namen und gibt ihm dann einen neuen: Israel, Gottesstreiter.

    Jakob hat sich durchgerungen. Er ist der Auseinandersetzung nicht ausgewichen. Er hat sich nicht auf dem alten, scheinbar sicheren Ufer eingerichtet. Er hat das andere Ufer erreicht. Er ist weiter gekommen und hat sich selbst neu gefunden. Jakob nannte das eine Gotteserfahrung. Er nennt den Ort, wo das geschah, „Penuel – Gesicht Gottes.“ Es prägte ihn auf seinem weiteren Weg. „Weiter so“ wie eh und je geht nicht mehr. Er muss eine andere Gangart wählen. Er hinkte seitdem, denn Gott hatte ihn auf den Hüftmuskel geschlagen. Er ist mit Gott „geschlagen.“

     

    3. Die fremden Brüder klopfen an

    Ihre Erwartung ist wahrscheinlich groß, doch endlich zu dem aktuellen Thema zu kommen, das die Öffentlichkeit und damit auch mich selbst und wohl auch Sie beschäftigt. Schaffen wir das …, das „Wir schaffen das“? Ich habe kein Handlungs-Rezept für die zu treffenden politischen Entscheidungen im Großen, geschweige denn für die Einzelschicksale, in die sich die Gesamtsituation immer wieder herunterbricht.

    Was ich habe, ist ein biblischer und ein benediktinischer Hintergrund, der durch die Flüchtlingsströme nach Europa befragt und getestet wird. Er ist für mich die Folie, die mein Denken prägt.

    Das Wort Jesu aus der Gerichtsrede „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich (nicht) aufgenommen“ (Mt 25,35.48) steht über dieser Fastenpredigt. Im Hebräerbrief lese ich von Abraham, der drei Fremden sein Zelt öffnete: „Vergeßt die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt“ (Hebr 13,2; Rückverweis auf: Gen 18). Abraham wusste nicht, wer da vor seiner Tür stand , als er die „Hergelaufenen" herein ließ. Sie gaben ihm als Dank den Segen und Abraham wurde zum Segen in eine große Zukunft.

    In die benediktinische Tradition ist „Gastfreundschaft“ als ein geistliches Stammwort eingeschrieben. Die Benediktsregel entstand im 6. Jahrhundert, in der Zeit der sog. Völkerwanderung. Ein eigenes Kapitel in ihr ist der Gastfreundschaft gewidmet (RB 53). Sie weiß, dass dem Kloster Gäste nie fehlen werden, und dass Gäste durchaus unverhofft vor der Tür stehen können (RB 53,16). Die Aufgabe des Pförtners (RB 66) ist nach Benedikt eine Schlüsselposition der Gemeinschaft. Der Pförtner ist das Gesicht des Hauses und damit der erste / wichtigste „Prediger“ der Gemeinschaft.

    Das Profil des Pförtners soll sich durch spirituellen Tiefgang und Erfahrung auszeichnen. Sie geben ihm innere Stabilität, Ruhe und Gelassenheit, Überlegungs- und Antwortkraft. Er ist nicht einfach der, der dem da „von draußen“ großzügig etwas vom klösterlichen Obdach gewähren (oder verweigern) kann, sondern von ihm Segen erbittet. Sein Willkommensgruß ist „Benedic = Segne mich“ (RB 66,3). Die Gemeinschaft weiß, dass ihr im Fremden Christus begegnet (RB 53,1). Sie versteht sich weniger als eine großzügig schenkende Gemeinschaft, sondern mehr als eine beschenkte. Zum Aufnahmeritus des Gastes gehört im Kloster Benedikts der Psalmvers: „Gott, wir haben deine Barmherzigkeit aufgenommen inmitten deines Tempels“ (Ps 48,10; RB 53,14).

    Wenn ich diese Gedanken heute in eine politische Diskussion zur aktuellen Flüchtlingsfrage einbringen würde, würde mir wohl größtes Unverständnis begegnen. Das, was du sagst, ist naiv, realitätsfern, nicht lösungsorientiert. Die Tagesordnung gehorcht raueren Gesetzen. In ihr herrscht der Hintergrundgedanke „homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ (Plautus, Asinaria; Th. Hobbes, Elementa philosophica de cive[2]). Ich verteidige meinen Besitzstand bis auf die Zähne. Der andere ist ein Rivale, der mir das Meine streitig macht.

    Diese Einwände sind richtig, solange wir dieses Menschenbild festhalten: der Mensch dem Menschen ein Wolf. Diese Sicht zu ändern würde ein anderes Klima schaffen und einen zivileren, humaneren, empathischen Umgang miteinander fördern.

     

    Lassen Sie mich mit einer rabbinischen Geschichte schließen, die Sie möglicherweise kennen.

    „Wann beginnt der Tag?“ fragt der Rabbi die Jünger.
    „Wenn man die Dattelpalme vom Feigenbaum unterscheiden kann?“ antwortete einer.
    „Wenn man einen Esel und einen Hund unterscheiden kann?“ ein anderer.
    … und noch manch weitere Antwort schlugen die Jünger vor.
    „Der Tag beginnt,“ sagte schließlich der Meister, „wenn du im Gesicht eines Menschen deinen Bruder erkennst.“

     

    Albert Altenähr
    2016-02-25

     

    Heimkehrer-Dankeskirche

    Kirchenbeschreibung: http://www.route-industriekultur.ruhr/themenrouten/26-sakralbauten/heimkehrer-dankeskirche-bo-weitmar.html

    Glasfenster: http://www.glasmalerei-ev.de/pages/b1434/b1434.shtml

     

    Fremde beherbergen

    Katholisch.de, 2016-02-25: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/fremde-beherbergen?utm_content=buffer9c262&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

     


    [1] Borchert: Allein mit meinem Schatten und dem Mond, S. 194–195

    [2] Sowohl bei Plautus als auch bei Hobbes sollte man allerdings beachten, dass die Kurzfassung des Wortes nicht wirklich die Intention der Autoren wiedergibt.
    Plautus: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, solange man sich nicht kennt.“
    Hobbes: „Nun sind sicher beide Sätze wahr: Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und: Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen; jener, wenn man die Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht. Dort nähert man sich durch Gerechtigkeit, Liebe und alle Tugenden des Friedens der Ähnlichkeit mit Gott; hier müssen selbst die Guten bei der Verdorbenheit der Schlechten ihres Schutzes wegen die kriegerischen Tugenden, die Gewalt und die List, d.h. die Raubsucht der wilden Tiere, zu Hilfe nehmen.“

  • Maurus und Placidus

    „Er zieht mich heraus aus gewaltigen Wassern“ (Ps 18,17)

    Zum Fest der hl. Maurus und Placidus (15. Januar)
    Schüler des hl. Benedikt

    Subiaco Sacro Speco Vita Benedikts 10 hp
    Fresko, Subiaco, Sacro Speco

    Die Erzählung über die Rettung des Placidus aus dem See von Subiaco …

    http://www.benediktiner.de/index.php/der-hl-benedikt-von-nursia/das-buch-der-dialoge/der-gang-ueber-das-wasser.html :

    (Gregor d.Gr., Dialoge II,7,1) Eines Tages weilte der heilige Benedikt in seiner Zelle. Der schon erwähnte junge Placidus aus dem Kloster des heiligen Mannes ging an den See, um Wasser zu holen. Aus Unachtsamkeit ließ er das Gefäß, das er in Händen hielt, ins Wasser fallen und stürzte sogar selbst hinein. Sogleich erfasste ihn eine Woge und riss ihn etwa einen Pfeilschuss weit vom Ufer weg.

    Doch der Mann Gottes erkannte das sofort in seiner Zelle und rief Maurus eilends herbei: »Bruder Maurus, lauf schnell! Der Knabe ist beim Wasserholen in den See gefallen, und eine Woge treibt ihn schon weit hinaus! «

    (II,7,2) Etwas Wunderbares geschah, wie man es seit dem Apostel Petrus [vgl. Mt 14,28.29] nicht mehr erlebt hatte. Maurus erbat und empfing den Segen, lief auf Befehl seines Abtes sofort bis zu der Stelle, wo die Woge den Knaben Placidus dahintrieb. Er glaubte auf festem Boden zu gehen und lief doch über das Wasser. Da packte er ihn an den Haaren und lief zurück, so schnell er konnte. Kaum war er am Ufer, kam er zu sich, blickte zurück und erkannte, dass er über das Wasser gelaufen war. Was er niemals für möglich gehalten hätte, war zu seiner Verwunderung und Bestürzung geschehen.

    (II,7,3) Er kam zum Abt zurück und erzählte, was sich ereignet hatte. Der heilige Mann Benedikt aber schrieb das nicht seinem eigenen Verdienst zu, sondern dem Gehorsam des anderen. Maurus jedoch behauptete, es sei nur auf Befehl Benedikts geschehen; er sei sich dabei keiner eigenen Kraft bewusst gewesen und habe unbewusst gehandelt. Diesen freundschaftlichen Wettstreit beider in der Demut entschied der gerettete Knabe. Er sagte: »Als ich aus dem Wasser gezogen wurde, sah ich über meinem Kopf den Umhang des Abtes, und für mich war er es, der mich aus dem Wasser zog.«

    … ist dem Bericht über den Gang des Petrus auf dem See Genesaret (Matth 14) nachgestaltet. Gregor d.Gr., der Verfasser der Vita Benedikts, weist selbst darauf hin: „Etwas Wunderbares geschah, wie man es seit dem Apostel Petrus nicht mehr erlebt hatte.“

    Benedikt als Abt verkörpert eindeutig Jesus, der dem Petrus den Auftrag/den Ruf gibt: „Komm“. Benedikt schickt seinen Schüler Maurus, Placidus zu retten: „Geh …!“

    Der Maler des Bildes von Subiaco scheint die Identifizierung Benedikt = Jesus noch ein wenig weiter ins Bewusstsein rücken zu wollen. Bei Matthäus entlässt Jesus nach der Brotvermehrung die Jünger und die Menge. Danach „stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten“ (Matth 14,23). Gregor lässt Benedikt die Not Placidus’ in seiner Zelle erkennen. Der Maler hingegen positioniert Benedikt nicht in einem Klostergebäude und in einer Zelle; er malt ihn in einer Höhle. Das ist zweifellos der „Sacro Speco“, die Urzelle des späteren Klosters. Es ist der Ort der „geliebten Einsamkeit“, an den sich Benedikt zurückzieht, um sich im „habitare secum – im Zu-sich-Kommen und Bei-sich-Sein“ zu sammeln. Benedikt in der Höhle …, das ist nicht der Klostervorsteher, nicht der Macher, der alles im Griff hat und ständig die Welt rettet. Er ist vielmehr der Beter vor Gott, der in ihm zu Hause ist und aus ihm heraus handelt. Wie Jesus auf dem Berg ist Benedikt in der Höhle "nur" und ganz er selbst. Er ist "bei sich", nicht "mitten im Geschehen/Getriebe/Betrieb dazwischen".

    Placidus „ist“ Petrus, der im See untergeht und Hilfe braucht. Man kann durchaus weiter darüber sinnieren, dass von Placidus nicht gesagt wird, dass er – wie Petrus es tat – um Hilfe rief. Benedikt/Jesus sieht die Not des Knaben, die der ihm nicht kund schreit. Ist Placidus ein Bild für den Mönch in Nöten, der „alleine“ mit allen Fragen fertig werden will und sich „in se ipsum – in sich selbst“ verschließt? Hilfsbedürftig, aber nicht hilfebittend; ein Gefangener seiner Not?

    Maurus ist vielleicht die spannendste Gestalt der Erzählung. Er „ist“ sowohl Petrus als auch Jesus. Er geht auf dem Wasser als sei es fester Grund, so wie auch Petrus. Anders als Petrus wirft er keinen Blick auf das Wasser, den Wind und die Wellen. Er ist nur Ohr für das „Geh …!“

    Maurus „ist“ aber auch Jesus. Er greift Placidus/Petrus und rettet ihn auf festen Boden. Placidus unterstreicht indirekt die Identifizierung Maurus = Jesus, indem er bekennt: „Als ich aus dem Wasser gezogen wurde, sah ich über meinem Kopf den Umhang des Abtes [= auf dem Fresko das schwarze Stoffgebilde über Placidus], und für mich war er es, der mich aus dem Wasser zog.“ Maurus war zwar der konkret Agierende gewesen, Placidus „sieht“ aber einen anderen handeln: Benedikt/Jesus.

    Natürlich ist die Geschichte eine Erzählung über den Wert und die Frucht des Gehorsams und der Demut. In einem etwas breiterem Blick, lässt sich eine Verbindung zum Regelwort herstellen: „Sieht man etwas Gutes bei sich, es Gott zuschreiben, nicht sich selbst“ (RB 4,42).

    Sie führt aber den Blick auch auf die Möglichkeiten jedes Mönchslebens hin: auf die Phasen der Stärke und die Möglichkeiten des Absackens, Untergangs. Maurus ist der starke, Placidus der Mönch in Krise.

    In ihrem Erleben auf und mit dem Wasser beleuchten Maurus und Placidus darüber hinaus das Miteinander der Mönche (…und ganz allgemein: der Christen?). Fragen des Helfens und des Sich-helfen-Lassens, der geistlichen Begleitung, der „correctio fraterna – der brüderlichen Hinweise“ können im Kontext dieser Erzählung bedacht werden.

    Ist die Erzählung vielleicht sogar eine "Zusammenfassung" der ganzen Regel Benedikts: "So ist, so geht Kloster. So geht Abt-Sein. So geht Gemeinschaft" ?

    Albert Altenähr
    2016-01-15/17

    PS.: Die obige Fassung des Beitrags ist eine Erweiterung der Erstfassung vom 15.1.2016.

     

  • Mönche lauschen ... (Gedicht-Impuls)

    Mönche lauschen hinter die Horizontgrenze

  • Regel Benedikts, Prolog 1, Ausculta o fili

    Ausculta o fili

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