Ansprache von Abt Friedhelm bei der Oblationsfeier am 8. Januar 2011

„Suscipe me, Domine“ – „Nimm mich auf, o Herr.“

Bernhardsminne: Graduale cisterciense (Wonnentaler Graduale). Pergament; Wonnental im Breisgau; um 1340-1350. Badische Landesbibliothek.Dieses Psalmwort, das in der Regel des heiligen Benedikt als Professwort steht, hat Sie in diesen Einkehrtagen begleitet. Zugrunde lag unter anderem ein Bild der sogenannten „Bernhardsminne“: Der Gekreuzigte beugt sich vom Kreuz herab und nimmt den heiligen Bernhard in seine Arme. Das ist ein Bild, das zunächst erschreckt. Wer möchte schon gerne auf das Kreuz hinauf, wer möchte gerne auf diese Weise vom Gekreuzigten in den Arm genommen werden?

Beim ersten Betrachten dieses Bildes aus dem 14. Jahrhundert schoss es mir durch den Sinn: Wer nimmt hier wen auf? Ist es Christus, der den heiligen Bernhard zu sich nehmen möchte, oder ist der heilige Bernhard, der Christus an sich ziehen möchte?

„Nimm mich auf, o Herr“: Dieses Wort wird gleich in der Oblationsfeier gesprochen, später von allen gesungen. Eine Oblate, eine Oblatin ist ein Mensch, der sich an Christus ganz uns gar hingibt. Das kann im Kloster geschehen, das kann als Oblate in der Welt geschehen, das kann als ganz „normaler Christ“ immer wieder im alltäglichen Leben vollzogen werden. Die Oblation oder aber die Professfeier der Mönche will ja zutiefst nichts anderes, als das Taufversprechen, das bei unserer Taufe von den Eltern und Paten für uns abgelegt wurde, immer wieder einzuholen, zu vertiefen, zu verwirklichen.

„Ihr habt Christus als Gewand angelegt“, so haben wir vorhin in der Lesung aus dem Galaterbrief gehört. Vielleicht darf ich die Übersetzung ein wenig variieren: „Ihr habt Christus als Gewand angezogen“. Dieses „Anziehen“ spricht von einem Gewand. Aber es sei die Frage erlaubt, ob Christus uns nicht anziehen will als Gegenüber, als Person, als Du! Ich bin angezogen von Christus, ich bin angezogen und gekleidet mit Christus.

Wir Christen sind Menschen, in denen Christus aufscheinen soll, Menschen, durch die Christus in diese Welt hinein getragen und von den Menschen erkannt werden soll. In einer Weihnachtspredigt sagt Papst Leo der Große schlicht: „Mensch, erkenne deine Würde!“ Die Würde, von und mit Christus bekleidet zu sein.

„Nimm mich auf, o Herr!“, so bitten wir alle gleich. Jesus Christus will uns an sich ziehen. Aber er ist kein „Schönwetter – Gott“. Er nahm das menschliche Leben in allen Dimensionen an und auf sich. So dürfen wir uns von ihm anziehen lassen in Freude und in Leid, in Stärke und in Schwäche. Wir brauchen uns nicht zu verstecken; denn er hat uns geschaffen, wie wir sind. Er nimmt uns an, er nimmt uns auf. Geben wir uns ihm hin.

Amen.

Abt Friedhelm Tissen OSB
2011-01-08