Lebendig leben: Horizonte für Oblaten

Horizonte für Oblaten

Lebendig leben

Wallfahrtsberg und Gottesgeist

Am Brunnen von Sychar fragt die Samariterin Jesus, was denn nun eigentlich der richtige Wallfahrtsort sei: Sie vertraut Jesus, weil sie ihm die weite Sicht eines Propheten zuerkennt. „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss.“ Das ist eine klare Frage und als solche verdient sie eine klare Antwort. Jesu Antwort ist überraschend. Er antwortet nicht mit dem erwarteten „Hier“ bzw. „Dort“, sondern mit einer positiven „Relativierung“: „Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten werdet. Die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden“ (Joh 4, 19-21.23).

Jesus kam gerade von Jerusalem. Er wird auch weiterhin nach Jerusalem pilgern, um anzubeten. Den Garizim, den Berg, wo die Samariter ihr Heiligtum hatten, hat er nie aufgesucht, - wenigstens erfahren wir in der Bibel nichts davon. Aber anscheinend hat er die Samariter auch nicht „verteufelt“, weil sie auf dem Garizim Gott angebetet haben. Juden und Samaritern aber schreibt er ins Stammbuch, im Geist und in der Wahrheit anzubeten.

Mir ist diese biblische Szene wichtig, weil ich in ihr alle durchaus kritischen und auch kritisch gemeinten Bemerkungen der folgenden Gedanken aufgefangen sehe. Wir dürfen über dieses und jenes je anderer Meinung sein, aber wir sollten nie vergessen, dass der Geist und die Wahrheit Dimensionen aufstoßen, die den je eigenen Horizont überschreiten.

Das Geschenk einer anderen Sicht und Erfahrung

Was macht eigentlich den Benediktiner aus? Was ist benediktinisch? So mutig ich bin zu behaupten:  „I c h  bin ein Benediktiner!“ – und:  „M e i n  Kloster ist wirklich und voll und ganz ein Benediktinerkloster!“, so überraschend ist es mir – wenn ich denn mit staunensbereiten Augen durch die Ordenslandschaft schaue und wandere - , dass andere Benediktinermönche und andere Benediktinerklöster ganz anders sind als ich und mein Kloster. Und die Mitbrüder dort sagen mit gleicher Überzeugung wie ich:  „W i r  sind Benediktiner!“ Sicher, ich finde den Regeltext Benedikts wieder, - ein gemeinsames Chorgebet, - Pflege der Liturgie und vieles andere. Aber wie bunt und anders stellen sich sogar die Dinge dar, die ich wiedererkenne! An dem einen Ort fühle ich mich wohl, - an einem anderen weniger, - ein dritter bleibt mir fremd. Muss ich wirklich den schwarzen Habit mit Tunika, Skapulier und Kapuze (als Abt vielleicht auch den Pileolus) tragen, um überall als Benediktiner akzeptiert zu werden? Oder darf es auch der französisch geprägte Blouson sein? Ich bin glücklich, wenn ich wieder in  m e i n  Kloster zurückkomme.  H i e r  bin  i c h  Benediktiner,  h i e r  kann ich es so sein, wie ich es bin.

Benedikt kennt in seiner Regel den fremden Mönch, der vielleicht „in Demut und Liebe eine begründete Kritik äußert oder auf etwas aufmerksam macht. Der Abt erwäge dann klug, ob ihn der Herr nicht vielleicht gerade deshalb geschickt hat“ (RB 61,4). Benedikt weiß also, dass es Punkte geben kann und gibt, wo Dinge – von außen gesehen – seltsam wirken, - verbesserungswürdig oder verbesserungsnotwendig sind. Die Fremdwahrnehmung schenkt sicher hier und da ersehnte Bestätigung, aber sie stellt bestimmt auch aufstörende Fragen. Der „Weihrauch“ der Bestätigung für Gelungenes ist angenehm, aber die aufstörende Frage ist eine wirkliche Bereicherung. Wenn der Abt Benedikts sie zulässt und sie nicht mit einer schnellen, vorgefertigten Antwort beiseite schiebt, dann werden die „begründete Kritik“ und der fragende Hinweis zur Chance der Gottesbegegnung, die zu neuem Wachsen einlädt. Der Herr hat vielleicht gerade deswegen den Fremden hergeführt.

Der „fremde Mönch“ ist zunächst einmal wirklich der Mönch aus einem anderen Kloster, - aus einer anderen Gegend, - aus einer anderen Mönchs- und Klostertradition. Gemeinsam bekennen sich Benedikts Abt und der fremde Mönch zum Mönchtum. Die große Vision oder – anders gesagt – die Grundsehnsucht sind bei beiden dieselbe. Es ist der eine Herr, für dessen Königtum sie beide kämpfen (vgl. RB 63,10). Dieses Erkennen und Anerkennen der großen Gemeinsamkeit ist eine feste und breite Grundlage, auf der die Details unterschiedlicher Akzente und Sichtweisen ruhig und für beide Seiten fruchtbar betrachtet werden können.

Der „fremde Mönch“ darf aber sicher auch weiter interpretiert werden, als es gerade in enger Anlehnung an den Wortlaut der Regel Benedikts versucht wurde. Es sind die regelmäßigen Gottesdienstbesucher, die Freunde der Abtei und in besonderer Verbundenheit die Oblaten eines Klosters, die mir bei dieser Weitung des Begriffes vor Augen stehen. Sie kommen zu uns, weil sie gerade bei uns – und vielleicht nirgendwo anders – vieles finden, das ihrer geistlichen Sehnsucht antwortet. Bei uns sind sie „irgendwie“ – möglicherweise nur schwer definierbar – beheimatet. Je mehr Heimat sie bei uns finden – ich denke hier besonders an die Oblaten -, desto intensiver können sie uns auf unsere Quelle anfragen, die sie auch für sich aufschließen möchten. In dieser Bitte um Aufschluss wird der Mönch in die Reflexion über das geführt, was ihm vielleicht schon allzu selbstverständlich geworden ist. Das Gespräch an der Quelle und über die Quelle ist das gegenseitige Segensgeschenk (Norvene Vest), das der Mönch und der Anklopfende voneinander empfangen und einander geben.

Und noch einmal weiter gefasst, ist der „fremde Mönch“ jeder, der in seinem Nicht-Verständnis und in seiner Nicht-Kenntnis des Mönchtums die berühmten „dummen Fragen“ stellt, die uns meist nur deshalb als „dumm“ erscheinen, weil wir so sehr „drin“ sind, dass wir kaum noch das Wunderbare oder auch das Wunderliche unseres benediktinischen Lebens wahrnehmen. Ob Benedikts Abt aus dem Regelkapitel 63 nicht auch hier sich fragen sollte, ob Gott nicht ganz bewusst die „dumme Frage“ in den Raum gestellt hat, um ihn vor noch dummeren Antworten zu warnen?

Zwei Entwürfe über das Oblatentum

Meine Überlegungen über „das Benediktinische“ sind seit langem eng verbunden mit der Frage der Botschaft der Klöster (natürlich vor allem meines eigenen Klosters) in die Kirche und Welt hinein. Ich kann den Satz, den mir vor kurzem der Abt eines benachbarten Klosters schrieb, voll und ganz mir zu eigen machen: „Ich betrachte unser Kloster als ein Geschenk Gottes, das nicht nur uns Mönchen gehört, welches wir vielmehr mit anderen Christen zu teilen aufgerufen sind.“ Da ich seit der Neubelebung des Oblateninstituts in unserem Kloster vor neun Jahren unsere Oblaten begleite und über die „Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten“ die Oblatensituation in anderen Klöstern in den Blick gewonnen habe, sind mir die Oblaten in ihrem Suchen nach benediktinischer Spiritualität Gesprächspartner geworden, die mich danach fragen lassen, was wir (ich) ihnen und überhaupt den Menschen „draußen“ als benediktinische spirituelle Kost anbieten können, - anbieten wollen und tatsächlich anbieten.

Bei meinem Suchen nach Antworten bin ich auf zwei Oblaten-Texte gestoßen, die einerseits nicht unterschiedlicher sein können und darum nicht voreilig harmonisiert werden sollten. Zum anderen können sie in eine anregende Spannung zueinander verankert werden, die sie offen macht für die ergänzende Wahrheit des jeweils anderen Modells. Der eine Text ist aus der Oblaten-Seite der Website der amerikanischen Erzabtei St. Meinrad entnommen, der andere der Website der Abtei Alexanderdorf. Ich will beide Texte im Wortlaut zunächst unmittelbar nacheinander und unkommentiert wiedergeben. Das ist eine Einladung, sich dem jeweiligen „Geschmack“ des Textes auszusetzen. Wie „schmeckt“ jeder Text in sich? Welche „Geschmacksunterschiede“ erspüren wir im unmittelbaren Vergleich der beiden Texte? Weil jede Übersetzung bereits eine Interpretation ist, wird der amerikanische Text nicht nur in meiner Übersetzung, sondern auch im Original wiedergegeben.

Aus der Oblaten-Information der Abtei St. Meinrad:

Duties of an Oblate
    

Pflichten eines Oblaten

Perhaps the most frequently asked question regarding oblation is what is expected of the oblate. The duties are not difficult or overwhelming. However, if they are faithfully carried out, the oblate will become a spiritual person whose life is truly caught up in Benedictine spirituality. The duties offer a wonderful opportunity for turning the ordinary Christian life into something more spiritually satisfying.

Wohl am häufigsten wird mit Blick auf die Oblation gefragt, was vom Oblaten erwartet wird. Nun, - die Pflichten sind nicht schwer und außergewöhnlich. Wenn sie aber treu erfüllt werden, wird der Oblate ein geistlicher Mensch, dessen Leben wirklich in benediktinischer Spiritualität gehalten ist. Die Verpflichtungen sind ein guter Weg, das normale christliche Leben spirituell befriedigender zu erfahren

There are five duties expected of each oblate:

Fünf Verpflichtungen gibt es für jeden Oblaten:

The oblate should pray daily the Liturgy of the Hours. Morning and evening prayer are included in Benedictine Oblate Companion.
    

Der Oblate sollte täglich das Stundengebet beten. Laudes und Vesper findet man im Oblatenhandbuch.

The oblate should read from the Rule of St. Benedict each day.
    

Der Oblaten sollte jeden Tag die Regel Benedikts lesen.

The oblate should practice lectio divina each day. This meditative reading from the Holy Scriptures or other religious writings expands our love, knowledge and appreciation of the spiritual way of life.
    

Der Oblate sollte jeden Tag die “lectio divina” üben. Dieses meditative Lesen in der Heiligen Schrift oder anderer Lektüre weitet unsere Liebe, das Wissen und die Wertschätzung für das geistliche Leben.

The oblate should participate frequently in the Sacraments of the Eucharist and Reconciliation. (If the oblate is not Roman Catholic, then he or she should be faithful to his or her denominational beliefs concerning church and prayer.)
    

Der Oblate sollte häufig das Sakrament der Eucharistie und der Buße empfangen. (Wenn der Oblate nicht römisch-katholisch ist, sollte er treu zu den Überzeugungen seiner Konfession über Kirche und Gebet stehen.)

The oblate should be attentive to God's presence in his or her ordinary, daily life.

 
    

Der Oblate sollte sensibel für Gottes Gegenwart in seinem normalen Alltagsleben sein.

The purpose of the oblate program is to assist and support the Oblate in living the Christian way of life. This is done in prayer and community.
    

Das Ziel des Oblatentums ist es, den Oblaten im seinem  Christsein zu begleiten und zu stärken. Das geschieht in Gebet und Verbundenheit.

 Aus der Oblaten-Information der Abtei Alexanderdorf:

ALLES BEGINNT MIT DER SEHNSUCHT.
Nelly Sachs

Sehnsucht nach

Lebenssinn
Verläßlichkeit und Beständigkeit
Erfahrung der Nähe Gottes
Christus als Wegbegleiter
Leben aus dem Evangelium
Gebetsgemeinschaft
Gemeinsamem Unterwegssein

Sehnsucht ist Anruf Gottes im Herzen des Suchenden,
dennoch:

GOTT KANN UNS TAUSEND SCHRITTE ENTGEGEN GEHEN,
ABER DEN EINEN ZU IHM HIN, DEN MüSSEN WIR SELBER TUN.
Karl Rahner

Überlegungen zu den Texten aus St. Meinrad und Alexanderdorf
Es ist richtig: beide Texte sind Teile eines größeren Ganzen. Insofern muss ehrlicherweise dazu angeregt werden, sich die Gesamtpräsentation des Oblatentums in beiden Websites anzuschauen. Doch glaube ich, in der Textauswahl und Gegenüberstellung die Sichtweisen der Darstellung nicht grob verfälscht zu haben.

Der Text aus St. Meinrad ist sehr „griffig“. Er formuliert die besonders gängige Frage, was von einem Oblaten erwartet wird, - was das Kloster oder der Orden von ihm erwartet. Er antwortet präzise: erstens ..., - zweitens ..., - drittens ..., - viertens ..., - fünftens ... Der Fragende weiß nach dieser Auflistung, woran er ist, - was er als guter Oblate zu tun hat, - oder auch, wo er und wie er unter dem Erwartungslevel bleibt.

Die ersten beiden Punkte sind sehr praktisch benediktinisch: Stundengebet und tägliche Regellesung, wie wir sie auch als Mönche im Kloster praktizieren. Die dritte Forderung ist sicher ebenfalls benediktinisch, obwohl sie den benediktinischen Raum verlässt und als allgemeine Grundlage des geistlichen Lebens vorgestellt wird: lectio divina. Der Hinweis auf Eucharistie und Bußsakrament ist eindeutig überbenediktinisch. Und der Verweis auf „Gottes Gegenwart überall“ ist zweifellos sehr benediktinisch, - ja: kern-benediktinisch! -, wird aber in der Zusammenstellung von St. Meinrad nicht benediktinisch begründet. Außerdem frage ich mich, wie weit man ihn als „Verpflichtung“ oder „Pflicht“ formulieren kann. In der Auflistung steht die Sensibilität für Gottes Gegenwart im Alltag an letzter Stelle. Bedeutet das, dass sie als Zielperspektive des Oblatentums verstanden wird? Oder ist es eher ein „Anhängsel“, das so richtig nicht in den Duktus der hineinpasst?

Meine Wiedergabe liest sich wahrscheinlich nicht als sonderlich „wohlwollend“. Und doch erkenne ich in der Auflistung von St. Meinrad eine mir als Begleiter unserer Oblaten sehr vertraute Sehnsucht wieder. Ich selbst möchte gerne eine klare Handreichung haben, was ich unseren Oblaten als „Regel“ an die Hand geben kann, - was ich ihnen zumuten kann und muss. So eine Auflistung von „Pflichten“ ist ein klar definiertes Raster, das dem Oblaten und auch mir ein Schema an die Hand gibt, um zu sehen, ob der Oblate auf einem guten Weg ist.

Gegen meine eigene, gerade formulierte Sehnsucht nach einem klar abzuhandelnden Maßstab-Katalog steht aber eine größere Angst und Sorge. Ist mit dem „Erfüllen“ der fünf Pflichten das Leben des regel-treuen Oblaten bereits mit Geist „gefüllt“. Mir steht das Bild des regel-treuen Mönchs vor Augen, der jede Norm der Regel, - der Konstitutionen und der Haus-Usanzen kennt und praktiziert, aber eine erschreckende Enge ausstrahlt. Mit dem Muster-Buch guten Mönch-Seins in der Hand, hat er die Hände – geschweige denn das Herz – nicht frei, das Mönch-Sein zu leben und zu erleben. Überspitzt möchte ich sagen: der „perfekte“ Mönch hat sein Mönch-Sein zum Beruf gemacht und dabei seine Berufung verloren. In Variation dürfte das Gesagte auch für den und die Oblaten gelten.

Dem Oblaten-Text der Erzabtei St. Meinrad habe ich einen Text aus dem Faltblatt der Abtei Alexanderdorf zur Seite gestellt. Er präsentiert das Oblatentum von einem sehr anderen Ausgangspunkt aus und in einem sehr verschiedenen Stil als die St. Meinrader. Alexanderdorf nimmt die Sehnsucht des suchenden Menschen in den Blick, - unterstützt und verstärkt sie und traut dem Oblatentum zu, ihr eine Antwort geben zu können.

In dem ausgewählten Textabschnitt taucht der Name des hl. Benedikt gar nicht auf. Auch der Begriff „Oblate“ fehlt. Nelly Sachs und Karl Rahner werden zitiert, - die jüdische Dichterin und Nobelpreisträgerin und der Theologe aus dem Jesuitenorden. Beide sind in ihren Disziplinen hoch anspruchsvolle Denker und Impulsgeber. Sie zu zitieren, wirft auch ein Licht auf die Alexanderdorfer Klostergemeinschaft und ihr hohes Anspruchs-Verständnis vom Oblatentum.

Benedikt wird in den zitierten Text nicht erwähnt. Aber wer nur etwas die Benedikt-Regel kennt, liest sofort Benedikt mit, wenn sein Auge auf „Beständigkeit“, „Nähe Gottes“, Christus als Wegbegleiter“ usw. fällt. Benedikt ist präsent, obwohl er nicht genannt wird. Und natürlich wird im Gesamttext des Faltblattes der Name „Benedikt“ durchaus nicht verschwiegen.

Sagt das Faltblatt aus Alexanderdorf nun aber wirklich gar nichts über „Pflichten“ eines Oblaten? Nein, und doch auch ja! Nein, - denn das Wort taucht wirklich nicht auf. Ja, - denn der weite Horizont der tausend Schritte Gottes auf den Menschen zu wird ergänzt durch den einen dann immer sehr irdischen Schritt, den wir selber tun müssen. Das Faltblatt nennt unter dem Regelwort „Wahrhaft Gott suchen“ (RB 58,7):

-       im Hören auf sein Wort

-       in Stille und persönlichem Gebet

-       in der Mitfeier der Liturgie, vor allem auch im Stundengebet der Kirche

-       in der Begegnung mit dem Nächsten

-       in allem Tun des Alltags in Familie, Beruf, Gemeinde, auch in Schwierigkeiten, Misserfolgen oder durchkreuzten Plänen

So anders sind diese Dinge gar nicht im Vergleich mit dem Pflichten-Katalog des St. Meinrader Textes. Und doch sind sie ganz anders gesagt und haben einen ganz anderen Geschmack. Es ist viel mehr Weite und Einladung. Sind sie in ihrer offenen Formulierung unverbindlicher? Mir will diese Offenheit eher herausfordernder erscheinen. Sie spricht die Sprache einer Pflicht, die von innen heraus wächst und die nicht so sehr von außen auferlegt ist. In diesem Horizont wandelt sich die Sperrigkeit der Pflicht in neugierige Freude an Gott und in freudige Neugierde nach Gott.

Ich will diesen Gedanken abschließen mit einem Wort von Antoine de Saint-Exupéry: „Willst du den Bau des Schiffes lehren, dann zeige nicht zuerst wie man Balken zusammensetzt, sondern lehre die Sehnsucht nach der Weite des Meeres." Wer die Weite des Meeres sehnsüchtig in sich trägt, der wird alles daran setzen, sich auch die Balken für ein Schiff zu besorgen ...

In den Tagen, in denen ich den hier vorgelegten Gedanken nachsann, entspann sich ein Email-Dialog mit einem Mitbruder der polnischen Abtei Tyniec, der zusammen mit einem zweiten Mitbruder seit einem Jahr die Oblaten seiner Abtei begleitet. Für den Herbst 2003 denken sie eine Oblatentagung auf nationaler Ebene an. Seine Blick in sein unmittelbares Umfeld lässt ihn zu folgender Feststellung kommen: „Es ist wahr, und wir fühlen es deutlich, dass die Oblatenidentität in unserer Welt eine offene Frage ist.. Wir möchten diese Herausforderung aufgreifen. Es scheint nicht einfach zu sein, aber es muss getan werden! Das Hauptproblem ist, dass bei uns das Oblatentum nach veralteten Normen gelebt wird. Die Menschen, die zu uns kommen- ganz zu schweigen von der Jugend, möchten etwas Neues. Es gibt keine Angebote für sie und das ist schade!“

In einem weiteren Kontakt spricht der polnische Mitbruder über seine Suche nach Anregungen für seine Oblatenarbeit im Internet. Und dann fällt die Bemerkung: „Mein Eindruck war, dass das Oblatenleben sehr rachitisch ist.“ Es ist nicht ganz klar, ob die Bemerkung sich nur auf das bezieht, was der Mitbruder im Internet gefunden hat, oder sich auch auf die Oblaten-Wirklichkeit, die er in seinem Umfeld erlebt, bezieht. Es ist außerdem zu beachten, dass der schriftliche Ausdruck in einer fremden Sprache immer schwierig ist und mehr als einmal zu Formulierungen führt, die in der Muttersprache so nicht gemacht würden. In der Muttersprache kann man sich auf jeden Fall differenzierter ausdrücken als in einer Fremdsprache.

Setzen wir all das gerade Gesagte voraus, aber lassen wir dennoch die Aussage als Anfrage an uns heran: Hat mein eigenes Leben als Oblate vielleicht etwas „Rachitisches“ an sich? Muss ich mich als Oblatenrektor vielleicht befragen, ob ich wirklich „Leben“ im Kreis der Oblaten anrege? Müssen wir als Kloster uns möglicherweise fragen, ob wir tatsächlich bewusst sind, dass Mönch-Sein nicht unser Privatvergnügen, sondern Geschenk ist, aus dem wir weiterschenken sollen?

Wenn Rachitis durch eine Störung des Vitamin-D-Stoffwechsels verursacht wird, dann wünsche ich mir für unsere Oblatengemeinschaften (und in unseren Klöstern beim Nachdenken über die Oblatengemeinschaften) als Therapeutikum den Vitaminschub Diskussion und Dialog, um die Dynamik des Lebens frei zu setzen.

Abt Albert Altenähr OSB
2003-07-08

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