Oblaten – „präzis ...“?!

Das Ohr des Herzens

Oblaten – „präzis ...“?!

Als Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten“ war ich Anfang Juli 2004 als Referent zu einer Tagung über die Benediktregel eingeladen. Nicht die Oblaten, sondern die Regel Benedikts war Thema der Tagung. Ich sprach über „Das Ohr des Herzens“. Unter den Teilnehmern der Tagung waren auch Oblaten und der eine oder andere, der sich mehr oder weniger für das Oblatentum interessiert. Aus dem Kreis dieser Zuhörer kam nach meinem Vortrag die leise Kritik, sie hätten gerne mehr über die Oblaten gehört, als sie aus meinen Worten heraushörten.

Die so fragten, haben nicht Unrecht gehabt; denn mit keinem Wort habe ich die Oblaten besonders erwähnt. Aber dennoch lagen die Anfragendem nach meinem Verständnis der Regel Benedikts und ihrer Übersetzung für die Menschen in der Welt auch nicht so ganz richtig.

Tief hat sich mir ein Wort von Antoine de Saint-Exupéry eingeprägt: „Quand tu veux construire un bateau, ne commence pas par rassembler du bois, couper des planches et distribuer du travail, mais reveille au sein des hommes le desir de la mer grande et large. – Wenn du ein Schiff bauen willst, dann beginne nicht damit, Holz zu sammeln, Planken zu schneiden und die Arbeit zu verteilen, sondern wecke in den Menschen die Sehnsucht nach dem großen weiten Meer.“ Nelly Sachs sagt es ganz ähnlich: „Alles beginnt mit der Sehnsucht.“ Und noch einmal anders und doch wieder in derselben Richtung formuliert es Augustinus: „Liebe, und tu was du willst.“

Jedes dieser Zitate öffnet den Blick auf einen Horizont. Dieser Horizont ist wichtig. Er ist wichtig, weil sich in seiner Perspektive das Fragment des je eigenen Lebenskonzepts im „großen Ganzen“ bergen kann.

Keines der Zitate verliert sich in den Details. Die Details können nur zu leicht die Bäume werden, vor deren Zahl man den Wald nicht mehr sieht. In den Details verbergen und offenbaren sich bekanntlich der „Teufel“ und seine Gefährten.

Ich stehe vor einem Dilemma. Mein Anliegen ist immer wieder der Horizont, - seine Freiheit und Weite. Ihn als selbstverständlich vorauszusetzen und deshalb kein oder nur wenige Worte über ihn zu verlieren, halte ich für gefährlich. Wovon man nicht redet, das rückt sehr schnell in den Hintergrund. Wer sich zu schnell an die Details verliert, wird sich in ihnen verlieren. Aber auch ich weiß um die Bedeutung von Details. Man - und auch ich - kann hervorragend den „großen Wurf“ träumen und denken ... und sich dann vor der Konkretion, - der Entscheidung, - der Tat drücken.

Zu den Essentials des großen Wurfs der benediktinischen Sehnsucht gehören die Haltungen des Suchens und Hörens, die ich in meinem o.g. Vortrag zu verdeutlichen suchte. Als Horizontperspektive dieser Haltungen nannte ich im Vortrag die Sensibilisierung für die Gegenwärtigkeit Gottes in allen Situationen des Lebens. Es gilt, Gott nicht nur im benediktinischen Gottesdienst zu feiern, sondern Gott im Alltag wahrzunehmen.

Zu den Essentials benediktinischer Details gehören

    die Anbindung an eine konkrete Klostergemeinschaft mit all ihrer Großartigkeit und ihren Grenzen. Der Bezug zu einer Gemeinschaft äußert sich in tatsächlichen Kontakten, die – wenn sie denn lebendig sein sollen – sich nicht im Allgemeinen erschöpfen dürfen. Das Kloster kann nur „Heimat“ werden, wenn man es an sich heran lässt. Die Offenheit für das geistliche Gespräch und die geistliche Begleitung durch den Oblatenrektor und/oder ein Mitglied des Klosters ist ein Zeichen der Anbindung.

    das Wissen um die Bedeutung der Liturgie als einer Gottesquelle und um ihr Bejahen sowie die Pflege einer gottesdienstlichen Kultur im eigenen Leben. Zum Gottesdienst zähle ich – in dieser Zusammenfassung – das ganze Spektrum von Bibel und ihrer Lektüre, von privatem Gebet und in der Gemeinde gefeierter Liturgie. Das Gebet der Psalmen ist dabei ein weites Lehr- und Lernbuch des Betens.

    das Hinüberstrahlen-Lassen einer solchen Gottesdienst-Kultur in die Alltagsbereiche des Lebens. Ein Oblate, der sein Christsein und seine benediktinische Heimat versteckt, ist in sich ein Widerspruch. Hier ordne ich auch das Suchen nach einer praktikablen Ordnung, - nach einem Rhythmus des Alltags ein.

    die Bindung durch ein Versprechen. Dieses Versprechen will eine geistliche Tiefendimension ausdrücken, auf die sich der Oblate einlässt. Eine reine „Kartei-Zugehörigkeit“ widerspricht dem Oblationsgedanken. Um sich der geistlichen Verpflichtung auf diese Tiefendimension immer wieder bewusst zu werden, praktizieren viele Oblatengemeinschaften eine jährlich wiederkehrende ausdrückliche Bestätigung des Oblationsversprechens.

Ich bin mir bewusst, dass auch die genannten Details noch nicht sehr detailliert sind. Jedes Kloster und seine Oblatengemeinschaft haben ein je und je eigenes Profil. Und noch weiter: jeder Mönch und auch jeder Oblate hat seine je eigene Lebensgeschichte und muss und wird „seinen Benedikt“ entdecken. Benedikt und in seiner Nachfolge der Benediktinerorden waren und sind keine Freunde des „Schema F“. Eine feste Verwurzelung im Horizont erlaubt durchaus eine große Flexibilität im Detail. Und ich weiß auch, dass das Schema einer starren Disziplin und eines ausgefeilten „Klein-Klein“ mehr von der Angst vor dem Leben als von seiner Freude kündet.

Im Prolog seiner Regel formuliert Benedikt die Spannung von weitem Horizont und konkretem Detail mit den Worten: „Fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng. Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit“ (RB Prolog 48f).

Ich wünsche mir selbst und allen, die vom hl. Benedikt fasziniert sind, die Freude wachsender Weite und den Mut zur Konkretion.

Abt Albert Altenähr OSB
2004-07-06

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